Seit über einem Jahr habe ich nicht mehr gelacht (aber auch nicht mehr geweint)

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Seit ungefähr 16 Monaten habe ich nicht mehr gelacht. Zumindest nicht mehr laut und herzhaft – sicherlich habe ich manchmal ein bisschen geschmunzelt, wenn mir etwas Lustiges zugetragen wurde, oder ich über irgendeinen besonders dämlichen Kommentar im Internet gestolpert bin. Oder ich habe mich in Pflichttermin-Gesellschaft zu einem müden Dreifach-„Ha“-Mitlachen bemüßigt gefühlt – quasi ein gekünsteltes Mitlachen, um in dieser oder jener Gruppe derem jeweiligen Kollektivmaßstab an sozialer Mindestkompetenz zu genügen. Taktisches Lachen: „Ha-ha-ha, sehr gut!“

Aber deftig aus tiefstem Inneren? Sich über etwas regelrecht „kaputt lachen“? Einen „Lach-Flash“ kriegen? Deutlich über ein Jahr her… Angesichts der sozialen, politischen, kulturellen Weltlage ist einem nicht mehr zum Lachen und angesichts der eigenen Lebenssituation – gesundheitlich, finanziell, sozial – auch nicht. Insgesamt bin ich in den letzten Jahren emotional erheblich abgestumpft. Ich glaube inzwischen kann man schon davon reden, dass ich verbittert oder verhärmt bin. Vielleicht zu lange isoliert – aber dieses grenzdebile Deppenvolk von borniert-dauerabgelenkt-oberflächlichen Arschgeigen brauche ich nicht wirklich um mich. Inzwischen gibt es kaum noch Menschen in meinem weiteren Umfeld, deren Lebenssituation & -weg mit meiner Lebenssituation eine signifikante Schnittmenge bildet. Aber diese Isolation ist selbstgewählt. Das innere Exil zu einem größeren Teil freiwillig bezogen. Philomena ist schließlich auch noch da – also bin ich nicht wirklich alleine. Sie leidet seit mehreren Jahrzehnten chronisch unter einer mittelschweren Depression. Mein Kumpel Rudi hat auch nur noch schwere Kost drauf – mit Grabesstimme trägt er bei seinen Endlosanrufen Verschwörungstheorien und neuesten Erkenntnisse über die Aliens vor, die uns angeblich heimlich beherrschen… Woher soll also zum Lachen reizende Inspiration kommen?

Komödien kann ich schon länger nicht mehr ansehen – ich ertrage diesen kunterbunten, oberflächlich-banalen Bonbonzucker nicht mehr, ohne im Strahl zu kotzen! Musik ist teils auch schwierig. Seit einigen Jahren schon höre ich stetig weniger Musik. Manchmal mehrere Wochen lang gar nicht. Das meiste kenne ich schon – gute neue Sachen kommen kaum noch nach. Tausendmal gehört. Ausgehöhlt dadurch. Zumindest bringt es nur noch selten irgendeine emotionale Saite zum Schwingen.

Über ein Jahr lang nicht mehr richtig gelacht – aber zum Glück auch über zwei oder drei Jahre lang nicht mehr richtig geweint. Alle paar Monate spüre ich mal, wie sich eine einzelne Träne im Augenwinkel bildet. Wenn dieses geschieht, dann am ehesten aus Rührung. Nicht aus Angst, Wut, Freude, Verzweiflung, pathetischer Ergriffenheit – so etwas kam seit mehreren Jahren nicht mehr vor. Weder Lachen, noch Weinen – bin inzwischen eher so der „Nullliniensurfer“, der emotional erstarrte Typ.

 

7 Gedanken zu “Seit über einem Jahr habe ich nicht mehr gelacht (aber auch nicht mehr geweint)

    • Tja, ausgerechnet die Verdauung ist ja eine der schlimmsten medizinischen Baustellen bei mir (hatte gerade wieder innerhalb von zwei Tagen 19 cm Unterschied beim Bauchumfang) – Kacken ist leider nicht unbedingt herzhaft, eher schmerzhaft. Und teils ein stundenlanges Unterfangen… 🤭😉

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  1. Wenn ich mal nen Lachflash habe, dann auch manchmal, weil ich vorher bis zum Zerreißen angespannt war. Also eher nach extremen Stress-Situationen krieg ich mich manchmal nicht mehr ein vor Lachen. Ich glaub, da holt sich der Körper dann irgendwas zurück. Früher hab ich mal so lachen müssen, bis mir schwindlig wurde. Das waren noch Zeiten.

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  2. Ich weiß, daß Ihr berechtigte Gründe vorliegen habt, weshalb Ihr Euch eine Katze versagt. Denn meine bringt mich immer wieder von Neuem zum Lächeln, vor Freude, Dankbarkeit, Tier-Liebe, wenn sie schnurrt, wenn sie zärtlich sein kann, wenn sie gut riecht … Obwohl ich für den Fall, daß ich eines Tages lang ausgestreckt aufm Holzboden aufgefunden werden sollte, ein neues Zuhause für sie abgesichert weiß, sage ich mir, ich habe ihr solange ein schönes Leben bieten können. Andernfalls wäre sie herrenlos, verwahrlost, krank, vom Jäger erschossen … Waren dann vielleicht nur ein paar gemeinsame Jahre, aber immerhin.
    Wie gesagt, Tränen verlieren in wahrlich harten Fällen geht ja nimmer bei mir, aber wenn ich hier was über Tiere lese oder im TV erfahre, ja dann schon noch.
    Fällt mir ausgerechnet jetzt nimmer konkret ein, denn dieser Tage lachte ich wieder kurz auf, war irgendein kurzer Gag im TV – ich war dankbar und spürte, wie gesund sowas ist. Oder neulich in mayakabs TB-Community, da mußte der Lucky seine Superflausch Angora-Katze – ehemals ausm Tierheim – ratzekahl wie’n Schaf gleich nach der Schur scheren lassen. Ich glaub, im Netz hab ich noch nie so dermaßen lachen müssen, wie beim Anblick von dieser splitterfasernackten Katzendiva. Jetzt hatte sie nämlich endlich mal einen echten Grund, eingeschnappt dreinzuschauen. 😹

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  3. Es ist wirklich nicht einfach für einen nicht-ignoranten Menschen an diesem ganzen Wahnsinn in der Welt nicht kaputt zu gehen. Da muss man sich ein Lachen manchmal hart erkämpfen. Vielleicht kannst du aber doch irgendwie nachhelfen… vielleicht können dich SSRI aus dem Loch holen? Wäre es einen Versuch wert? / Und: ich weiß wie zerstörerisch es für die Seele ist, wenn der Darm nicht tut was er soll (das kann sich jemand, der das nicht hat, kaum vorstellen). Ich kenne das alles zu gut bis hin zu Selbstmordgedanken aufgrund der Schmerzen und Einschränkungen. Vielleicht magst du dich mal mit anderen Betroffenen austauschen? Ich weiß jetzt nicht, bei welchen Ärzten du schon warst. Der normale Hausarzt kann einem da in der Regel nicht helfen.

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