Ferdinand Cheval – ein besessener Landpostbote baut den Palast seiner Träume

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Kürzlich stolperte ich auf „Spiegel-Online“ über einen Artikel in der dortigen „Einestages“-Reihe, der sich um die Geschichte und Person von Ferdinand Cheval drehte, einem bemerkenswerten, französischen Postboten, der unbeirrbar und besessen für seinen exzentrischen Traum lebte. Ein unbeirrbar schaffender Sisyphos der Fin de Siècle-Zeit…

Sofort erinnerte ich mich an ein Buch, das mir einst in meinem Elternhaus in die Hände fiel, in dem ich als Schulkind ein Kapitel über den bauwütigen Landbriefträger voller Begeisterung regelrecht verschlang!

0045 Goethe-Zitat

Mich begeisterte damals die unermüdliche Geduld, die jahrzehntelange Beharrlichkeit, mit der jemand (s)einen kapriziösen Traum verfolgt – auch gegen jegliches Unverständnis und jeden ätzenden Spott seines Umfeldes! Ferdinand Cheval als „Helden meiner Kindheit“ zu bezeichnen wäre vielleicht ein wenig übertrieben – aber er hatte damals einen bleibenden Eindruck auf mich gemacht, der bei der Lektüre des „Spiegel-Online“-Artikels anregend aufgefrischt wurde.

Wer war dieser Mann, Ferdinand Cheval?

Cheval arbeitete in Hauterives (Département Drôme) als Landpostbote, der stundenlang von Gehöft zu Gehöft latschte und dabei gerne die Postkarten betrachte, die er austrug – besonders angetan hatten es ihm dabei solche aus exotischen Weltgegenden, auf denen fremdartige Bauwerke und wilde Tiere abgebildet waren. In seinen schweifenden Gedanken träumte er sich auf seinen Dienstmärschen tief in diese fernen Welten… Bis er im April 1879 „mit dem Fuß an etwas hängen blieb“, das ihn „ein paar Meter taumeln ließ“. Gestolpert war er über „einen Stein von solch bizarrer und doch pittoresker Form“, dass Cheval ihn unbedingt mitnehmen musste.

Es sollte von nun an nicht bei diesem einen Stein bleiben – in den folgenden 33 Jahren schleppte er unzählige Steine nach Hause, oft 15 Kilometer weit auf dem eigenen Buckel, und errichtete dort ohne jegliche Bauhandwerkerausbildung sein „Palais idéal“ – ein surreales, phantastisches Traumschloss, 26 Meter lang, 14 Meter breit, 10 Meter hoch. Über 1000 Kubikmeter aufgelesener Feldsteine zementierte er mit 3500 Säcken Kalkstaub zusammen… Sämtliche Nachbarn und Einwohner der Umgebung hielten ihn für geisteskrank – aber er machte weiter. Arbeitete nahezu täglich nach Feierabend wie besessen stundenlang und oft bis tief in die Nacht an diesem Bauwerk. Trotz schwerer Schicksalsschläge, wie der Todesfälle von Frau und Kindern. Bis er mit 77 Jahren fertig wurde. Von 1879 bis 1912 hatte er an seinem „Palast der Imagination“ gebaut, der ihm eigentlich auch als persönliches Grabmal dienen sollte. Da er hierfür keine Genehmigung erhielt, errichtete er von 1914 bis 1922 abermals unermüdlich Steine schleppend im gleichen, phantastischem Baustil eine kleinere „Gruft der Stille und unendlichen Ruhe“ auf dem Friedhof von Hauterives, die er im hohen Alter von 86 Jahren vollendete.

0046 Ferdinand Cheval

Ein Mann und sein Projekt. „Das Werk eines einzelnen Mannes“, lautet eine Inschrift des „Palais idéal“. Verwirklichung eines persönlichen Traumes. Gegen jede Kritik. Imponierend und inspirierend für einen ausgesprochenen Exzentriker wie mich, der gerne selber ein paar skurrile Dinge baut und bastelt…

Schon während der letzten Konstruktionsjahre wurde das überbordend dekorierte, biomorph wuchernde, an allerlei antike Kulturen erinnernde Monument zu einem Besuchermagneten. Internationale Reporter berichteten staunend. Später kamen Vertreter des Surrealismus, etwa André Breton, und sahen Cheval als einen der ihren – beziehungsweise als eine Art heimlichen, unbewussten Urvater dieser Kunstrichtung. Pablo Picasso war begeistert – später berief sich Friedensreich Hundertwasser auf Ferdinand Chevals Bauwerk als eine seiner Inspirationsquellen… Heutzutage werden die Bauten des Landbriefträgers von jährlich über hunderttausend Menschen besucht.

Man muss sich am besten etliche Abbildungen des Lebenswerkes dieses ungewöhnlich besessenen und phantasiebegabten Franzosen anschauen, um auch nur halbwegs begreifen zu können, was dieser ungewöhnliche Briefträger damals eigentlich eigenhändig fabriziert hat.

Dazu ist der entsprechende WIKIPEDIA-Eintrag zu empfehlen (dazu diesen Link anklicken) – aber viel lebendiger und empfehlenswerter ist zu diesem Zwecke der von mir eingangs erwähnte „Einestages“-Beitrag auf SPIEGEL-ONLINE (interessierte Leser sollten dazu diesen Link anklicken).

Vielleicht geht es Euch ja ähnlich, wie mir als kleinem Bub, der wie vom Donner gerührt war, als er erstmals in einem Buch über den Postboten und sein Traumschloss las, bzw. die bizarren Architekturformen auf Fotos betrachte. Natürlich ist das (mit erwachsenen Augen betrachtet) architektonisch nicht wirklich „wertvoll“ – stilistisch betrachtet so etwas wie „Irrenhaus-Kitsch“. Allenfalls „naive Kunst“… Aber es ist unikaler Irrsinn. Ein persönlicher Traum eines unverbildeten Landpostboten, der damit begann, dass er über einen Stein stolperte… Ganz großes Kino! By the way: Hat diesen Stoff eigentlich schon mal jemand verfilmt? Das würde sich doch anbieten – gerade als verschrobener, französischer Autorenkino-Film!

 

2 Gedanken zu “Ferdinand Cheval – ein besessener Landpostbote baut den Palast seiner Träume

  1. Spannend, ungewöhnlich, bezaubernd, mysteriös, faszinierend, inspirierend.

    Und ja: Auch ich finde es klasse, wenn jemand seine ureigenen Träume ungeachtet aller Widerstände und des Unverständnisses anderer Menschen unermüdlich weiterverfolgt!

    Gefällt 1 Person

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