vor dreizehn Jahren in Mumbai

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Bereits während meiner Autorenschaft auf dem Blogportal myTagebuch gab es bei mir die Eintragskategorie „flashback“ – hier berichtete ich in lockerer Folge über bereits etwas länger zurückliegende Begebenheiten und Erlebnisse. Nicht tagesaktuell, sondern aus dem Nähkästchen alter Schoten und Anekdoten.

Der hiesige WordPress-Kollege „rabi“ berichtet oftmals aus seinen handschriftlichen Tagebuchaufzeichnungen längst vergangener Jahre und Jahrzehnte – fragt sich manchmal „was war vor genau 10 Jahren?“, oder „wie verbrachte ich den 29. September 1998?“, etc.. Vielleicht ließ ich mich von dieser Art Blogeintrag am späten Abend davon inspirieren, einmal in meinen alten Digitalfoto-Galerien zurückzublättern, eine Reise in die verborgenen Tiefen meiner Computerfestplatte zu beginnen, um alte Erinnerungen aufzufrischen. 4. März. Gab es da irgendetwas Berichtenswertes? Vor sechs, acht oder zehn Jahren?

Als ich bis ins Jahr 2005 zurück schaute, stolperte ich am 04.03.2005 über einen recht bewegten Tag, den ich auch hier mit Euch noch einmal teilen möchte… Kommt mit auf die Reise!

Bombay, Indien. Oder wie es seit 1996 offiziell heißt: Mumbai. Die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Maharashtra, die sechstgrößte Metropolregion der Welt. Meine damalige Verlobte Giulia und ich sind seit einer guten Woche auf unserer fast anderthalb Monate langen Indienrundreise unterwegs und seit zwei Tagen in dieser brodelnden Stadt voller Extreme und Gegensätze, die ich für die interessanteste des Subkontinents halte. Nachdem wir mit dem Zug aus Delhi kamen (17 Stunden Bahnfahrt über Nacht in einem zwar langsamen, aber dafür sehr komfortablen Zug) wohnen wir privat bei Bekannten von Giulia in einer Parsen-Kolonie – die Parsen sind eine ursprünglich aus Persien stammende ethnisch-religiöse Gruppe, die der Lehre des Zoroastrismus folgt und als streng abgeschlossene Gemeinschaft lebt. Wir erhalten also sehr exklusive Einblicke in den Alltag dieser Menschen, die das Feuer anbeten. Ein kleines ewiges Flämmchen brennt auch im Wohnzimmer des Haushaltes. Für die Zeit unseres Mumbai-Aufenthaltes steht uns stundenweise ein Chauffeur jenes internationalen Konzerns zur Verfügung, den Giulias Vater für ein paar Jahre als CEO geführt hat. Unser Fahrer ist ein wortkarger Dicker mit portugiesischem Nachnamen (Bombay war einstmals als „Bom Bahia“, zu Deutsch „Gute Bucht“ portugiesische Kolonie – auch heute noch findet man daher Familien mit portugiesischen Wurzeln in Mumbai), der auch bei auf „Eissturm“ eingestellter Klimaanlage hinterm Steuer ständig perlend schwitzt, während er die Limousine durch ein Verkehrschaos steuert, das dem europäischen Auge als heilloses Durcheinander vorkommen muss.

Nachdem wir am 3. März extrem viele Sehenswürdigkeiten der Metropole im Schnelldurchgang abgehakt, zwischendurch noch ein paar Bekannte von Giulia getroffen, und uns von einer zumindest in Indien berühmten, lebhaft bis vorlaut quirligen Künstlerin, die ebenfalls einen portugiesischen Nachnamen trug, durch deren farbenfroh vollgepfropftes Atelier in einem fast 500 Jahre altem Haus führen gelassen hatten, ließen wir es am 4. März eher ruhig angehen: Wir besuchten eine alte Dame in „Malabar Hill“, dem VVIP-Viertel der Stadt. Eine teurere, exklusivere Wohnlage gibt es vermutlich in ganz Indien nicht. Wie das gallische Dorf, das bei Asterix dem römischen Imperium trotz, stand die einen leicht maroden Kolonialstil-Charme versprühende Villa auf einem parkartigen Gartengelände als einziges niedrigeres Gebäude umringt von Hochhäusern. In Malabar Hill gab es außer den Häusern einiger weniger Bollywood-Superstars und Industriemagnaten kaum noch freistehende Villen – man hatte angesichts exorbitanter Baulandpreise von über 25.000 US-Dollar pro Quadratmeter fast alle alten Häuser abgerissen und durch Luxusappartement-Wolkenkratzer ersetzt. Die alte Dame war eine gute Freundin von Giulias Mutter. Giulias ältere Schwester hatte bei ihr für ein paar Monate während eines Auslandssemesters ihres Modedesign-Studiums gewohnt. Uns erwartete eine Oase der Ruhe innerhalb des stickig-stinkig überbrodelnden Molochs Mumbai. Beim Betreten des Hauses fielen uns viele kleine Gestecke aus frischen Schnittblumen auf, die dienstbare – aber für Gäste nahezu unsichtbar agierende – Geister überall deponiert hatten.

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Die alte Hausherrin, Witwe eines Stahl-Millionärs, war eine überaus würdevolle Erscheinung. Gleichermaßen ruhig und zurückhaltend und dennoch charismatisch bis herrisch. Sie beklebte gerade in aller Seelenruhe eine Wandnische mit Blattgoldblättchen, während wir eintraten. Überhaupt widmete sie sich gerne kontemplativen Bastel- und Handarbeiten, so nähte sie (mit einer Platin-Nadel – „weil die nicht rosten kann“) beispielsweise kunstvolle Patchwork-Kissen aus dem unerschöpflichen Seidenkrawattenfundus ihres verstorbenen Ehemannes. Eines davon schenkte sie mir während unseres Besuches, es liegt bis heute auf meinem roten Ledersofa im Wohnzimmer von Haus „Zweieichen“. Ihr Haus war das reinste Museum. Überall Kunst, Kolonialzeitmöbel. Tanzender Staub im Licht der durch die mit schweren Vorhängen verhangenen Fenster fallenden Sonnenstrahlen. Eine schwüle Schläfrigkeit, die sich auch durch ein paar köstlich kühle Fruchtcocktails nicht vertreiben ließ. Wir blieben bis zum Tee, den wir auf einer schattigen Dachterrasse einnahmen. Dort hatte die elegante grauhaarige Sari-Trägerin, deren genaues Alter man nur sehr schwer einschätzen konnte, einen kleinen feinen Garten angelegt. In den unteren großen Garten ging die alte Dame nicht gerne: „Dort unten erschießt mich noch irgendjemand von der Immobilien-Mafia. Diese Haie sind schon seit Jahren scharf auf mein Grundstück!“

Am Abend fuhren wir gemeinsam mit unserer Nachmittagsgastgeberin in deren unscheinbarer Toyota-Limousine („wir hatten auch mal einen Rolls Royce, aber den hat uns immer das Volk an den Ampeln zerkratzt“) zur Vernissage einer europäischen Collagen-Künstlerin. Dort waren wir auch mit weiteren Freunden und Bekannten von Giulia verabredet. Die Galeristin – eine sehr moderne Inderin mit silber-violetter Kurzhaarfrisur, die mich optisch sehr an die ältere Liz Taylor erinnerte – empfing zur Kunstausstellung in ihrer hoch über der Innenstadt von Mumbai gelegenen Privatwohnung – das Gebäude, in dem sie eigentlich ihre Galerie betrieb, war ein paar Wochen zuvor unerwartet eingestürzt.

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Einige der Gäste kannte ich bereits, es war unter anderem auch wieder die vortags besuchte Künstlerin mit dem portugiesischen Nachnamen und dem exaltiert-quirligen Wesen anwesend. Außerdem unsere parsischen Gastgeber, bei denen wir während des viertägigen Mumbai-Aufenthaltes einquartiert waren. Aber es gab auch viele neue interessante Gesprächspartner. Ich erinnere mich noch lebhaft an eine lange Unterredung mit dem Konsul eines asiatischen Landes über den Einfluss der griechischen Mythologie auf die europäische Literatur des 19. Jahrhunderts, weil diese Konversation meine damaligen Englischkenntnisse bis an den Rand meiner Möglichkeiten strapazierte – inzwischen ist mein Englisch dreizehn weitere Jahre lang eingerostet und ich würde solche Dialoge schlechtweg nicht mehr auf die Reihe bekommen…

Die Kunst der Europäerin war gehobener Ethno-Kitsch. Vielmehr interessierten mich zwei Originalgemälde von Maqbool Fida Husain, bei dem es sich vielleicht um den renommiertesten indischen Maler des 20. Jahrhunderts handelte. Über diese beiden Werke kam ich mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der über eine angenehm sonore Stimme verfügte. Guter Typ. Distinguiert, aber unprätentiös zurückhaltend gekleidet. Er erzählte mir gleich recht vertrauliche Familiengeschichten aus dem Nähkästchen. Dass er das Gerede der Leute über die Lebensgefährtin seines Sohnes satt hätte, aber sich aus der Partnerwahl seines Sohnes heraushalten würde – Hauptsache sei doch, dass die beiden jungen Leute glücklich wären. Irgendwie meinen die Leute immer, mir ihre ganze Familiengeschichte erzählen zu müssen, vielleicht weil ich ein guter Zuhörer bin, der Gesprächen konzentriert auf das Gegenüber fokussiert folgt. Der mir unbekannte Galeriegast zog mich sehr ins Vertrauen. Ich gab ein paar angemessene Allgemeinplätze zum Besten und bestätigte ihn in seinen vernünftig klingenden Gedankengängen. Wir verquatschten uns ein wenig über diese ganzen Hin-und-her-Überlegungen zu diversen Aspekte familiären Glückes, usw.. Erst nach einer ganzen Weile fielen mir die prüfenden, neugierigen Blicke der anderen Veranstaltungsgäste auf, die man uns fast schon bohrend zuwarf. Hatte keinen Schimmer, wieso die so glotzten

Erst als Giulia und ich die Vernissage verließen, klärte man uns auf, wer das eigentlich war: Ein bekannter (offenbar allen außer mir) indischer Milliardär, dessen Sohn damals seit kurzem mit der britischen Schauspielerin Elizabeth Hurley liiert war – hatte ich dem guten Mann also ein paar Tipps zum Umgang mit Schwiegertöchtern in spe gegeben, ohne zu wissen, dass diese spezielle Dame gemeint war! Vermutlich dachte er hingegen, dass ich vollkommen im Bilde sei und mochte vermutlich die dezent-diskrete Art mit der ich über dieses sehr spezielle Thema scheinbar ziemlich unvoreingenommen mit ihm debattierte. Lustige Geschichte im Nachhinein. Aber besonders gut schienen meine Tipps nicht gewesen zu sein, denn die Hurley hat sich inzwischen längst wieder vom Sohn des Milliardärs scheiden lassen…

Nach der Vernissage tobte unten in der Innenstadt die Nightlife-Hölle. Es war gefühlt noch zehnmal voller auf den Straßen, als tagsüber. Ein hektischer Amerikaner – der auf der Vernissage besonders penetrant geglotzt hatte, wer ich ihm Unbekannter denn um Himmelswillen bloß sei, sprang wie ein übertakteter Hampelmann gestikulierend umher, um eines der raren Taxis zu erwischen – Giulia und ich hatten hingen das Glück einmal mehr mit der alten Dame in deren Toyota-Limousine weiterfahren zu können. Wenn auch nur ein paar hundert Meter durchs Geschiebe und Gedränge bis vors „Indigo“ – damals das angesagte Szene-Restaurant von Mumbai. Tout Bollywood hing dort an der Bar und in den Lounge-Sesseln ab. Bemerkenswerterweise schienen die jungen Filmstars, Sänger und Models großteils unsere alte Gastgeber-Dame zu kennen! In Deutschland wäre das ungewöhnlich, dass das großstädtische in-crowd-Jungvolk eine alte Industriellenwitwe kennt – aber die Inder haben vielleicht mehr Familiensinn und daraus resultierend auch generationenübergreifendes Interesse aneinander.

Nachdem wir von unserer Gastgeberin ein opulentes Menü auf der Dachterrasse des Szeneschuppens spendiert bekommen hatten, an dem auch einige der Künstler aus der zuvor besuchten Galerie teilnahmen, verabschiedete sich die faszinierend unterhaltsame alte Inderin von uns und Giulia und ich versackten unten zwischen den ganzen Bollywoodstars an der Bar. Meine damalige Verlobte war gleichermaßen trinkfest, wie alkoholbefeuert unterhaltsam. Mit zig jungen Indern kamen wir ins Gespräch; wäre es nicht 2005, sondern 2018 gewesen, gäbe es davon bestimmt hunderte Selfies auf Instagram. Irgendwann war ich eh zu knülle, um zu sehen, wer da alles um uns herumwuselte. Vermutlich wieder ein paar bekannte Schauspieler, Popstars, Models, bei denen ich überhaupt keine Ahnung hatte, dass sie solche waren und nicht nur irgendwelche fröhlich angeheiterten, gutaussehenden jungen Leute. Mir ging es da wieder so, wie zuvor beim älteren Milliardär, dem damals zukünftigen Schwiegervater von Elisabeth Hurley. Als kulturfremder Besucher hat man keine Ahnung – ist aber wohltuend unbedarft. Durch Giulias Indienkontakte (sie hatte während der Mittelstufe ein paar Jahre lang die deutsche Schule in Delhi besucht) rasselte ich da einfach so hinein in die dortige High Society.

Im weiteren Verlauf des Jahres 2005 und bis zum Lösen der Verlobung 2007 rasselte ich dann auch noch in den europäischen Jetset hinein… Mumbais Jeunesse dorée war aber deutlich angenehmer, als die Schickeria in München/Düsseldorf/usw.. Vielleicht weil ich dort fern des deutschen Promigezüchts keine Sau (er)kannte… Beziehungsweise: In München/Düsseldorf/usw. gab es dann zu viele Säue, die so taten, als wären sie extrem bekannt…

Egal, das war jedenfalls mein kleiner „flashback“ dreizehn Jahre zurück zum 4. März 2005.

8 Gedanken zu “vor dreizehn Jahren in Mumbai

    • Ich sag ja: Früher war mehr Lametta… 😉 (außerdem fußten diese Begegnungen auf unserer Indienreise im Grunde genommen weitgehend auf Connections von Giulias Familie – deren Vater war ja eines der „höchsten Tiere“, die mir bislang begegnet sind – selbst in Dubai kannten die damals alle dessen Namen)

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  1. Habe deinen Eintrag erst heute (08.03.) gelesen. Auch ich erinnere mich noch genau an den 4. März 2005: Da hatte ich per E-Mail das Drehbuch „Das Geheimnis des Wettermedaillons“ zugeschickt bekommen, habe das auf USB-Stick gezogen, war dann mit dem Stick in so einen Copy-Shop bei mir um die Ecke gegangen, um mir das Drehbuch ausdrucken zu lassen. Mit dem Ausdruck ging ich dann zum Churrasco (oder hieß der da schon Maredo?), und bei einem Steak mit Rotwein las ich mir dann das Drehbuch durch. Da wusste ich noch nicht einmal, ob ich die Rolle des Blinden überhaupt kriegen würde – es gab noch einen Konkurrenten.
    Jedenfalls das alles genau zum selben Zeitpunkt als du … siehe dein obiger Eintrag

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  2. Jaja, diese Promis, die keiner kennt. Ging mir auch mal so, als ich mal in der Bremer Fußgängerzone neben so einem stand, auf den alle Kameras gerichtet waren. Erst dachte ich, das wäre Helge Schneider und wunderte mich nur, warum der Reporter mit ihm Englisch redete. Ich verstand kein Wort, außer, dass es definitiv nicht ums Katzenklo ging. Mir war nur klar, dass es sich um eine „weltbekannte Berühmtheit“ handeln musste.
    Am nächsten Tag sah ich dann auch in der Zeitung sein Foto, und dann stand da auch, wer tags zuvor in Bremen war: Es war JAMES RIZZI (einfach mal googeln). Seine Kunstwerke sind weltberühmt, aber den Menschen dahinter kannte ich bis dato nicht.

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