…es stand schließlich „Rechtsstaat“ auf dem Einwickelpapier!

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Kennt jemand noch „Quench“? Ich meine jetzt weder „Quench“ im Sinne des plötzlichen Übergangs eines Supraleiters vom supraleitenden in den normalleitenden Zustand infolge Überschreitung der Sprungtemperatur, noch „Quench“ als Begriff für einen optischen Effekt in der Fluoreszenzspektroskopie, sondern „Quench“ als Markenname für ein in den 80er-Jahren in Deutschland erhältliches Brausegetränk. Furchtbar künstliches Aroma – gab‘s bei uns Zuhause nicht, weil zweifelsohne ein „Asi-Getränk“. Billig, ungesund und überhaupt verdächtig… Zum Glück in den Elternhäusern anderer Kinder, mit denen man damals näher zu tun hatte, ubiquitär vorhanden. Besonders hatte es mir die Quench-Geschmacksrichtung „Kirsche“ angetan – herrlich künstlich süß-sauer-fruchtig…

Erst kürzlich gerieten mir nach langjähriger Abstinenz ein paar Billigbonbons in die Griffel und die schmeckten noch genauso synthetisch, wie damals. Es gibt ein paar künstliche Fruchtaromen, die jeder sofort erkennt: Erdbeere, Kirsche, Himbeere. „Quench“, Brausepulver, Kaubonbons, Lutscher – alles absolut artifizielle Aromen, bei denen jedes Kind sofort sagen konnte, ob es sich um „Apfelgeschmack“, oder „Kirschgeschmack“ handelt. Warum eigentlich? Bei genauerer Untersuchung schmecken diese künstlichen Kirsch-Kaubonbons nämlich überhaupt nicht so, wie echte Kirschen. Noch schlimmer klaffen natürliche und vollsynthetische Erdbeeraromen auseinander – und dennoch schmeckt sowohl das billige, als auch das teure Erdbeereis eindeutig nach Erdbeere – wieso?

„Gelernt ist gelernt“. Durch die Billigbonbons wird man schon als Kleinkind darauf konditioniert, was eben „Kirsche“, oder „Erdbeere“ zu sein hat. Ich glaube, die Bonbonhersteller wussten damals in unserer Kindheit ganz genau, dass die Kirschkaubonbons nicht nach echten Sauer- oder Süßkirschen schmeckten und druckten deshalb ganz fett „Kirsch“ auf das Einwickelpapier – oder besser noch ein paar stilisierte Kirschen; für die ganz Kleinen, die noch nicht lesen konnten. Wenn man hunderte Bonbons aus Papierchen wickelte, auf denen Orangen, Erdbeeren oder Kirschen abgebildet waren, dann wusste man halt irgendwann, dass „Kirsch“, „Erdbeer“ und „Orange“ jeweils derartig zu schmecken hat! Egal, wie künstlich das eigentlich schmeckte und wie wenig es mit echten Blutorangen, Schattenmorellen oder „Mieze Schindler“-Erdbeeren zu tun hatte…

Schließlich steht auf jenem künstlichen Kau- und Lutsch-Zuckerwerk fett „Orange“ drauf, oder „Zitrone“ – folglich schmeckt es auch so. Man hat es oft genug gelesen. Wenn es so geschrieben steht, dann ist es auch wahr. Kinderlogik. „…und Erwachsene ebenso!“ Ich glaube deshalb liest man momentan in den Medien so oft von „Demokratie“, „Rechtsstaat“, „sozialer Gerechtigkeit“ und ähnlichem. Wenn man oft genug vom „Rechtsstaat“ liest, dann schmeckt es auch nach „Rechtsstaat“. Wo „Demokratie“ drauf steht, muss auch „Demokratie“ drinnen sein – egal wie artifiziell und synthetisch sie auch schmecken mag… Auch all die anderen Kinder erkennen den Geschmack zuverlässig. „Gelernt ist gelernt“.

14 Gedanken zu “…es stand schließlich „Rechtsstaat“ auf dem Einwickelpapier!

    • Die Kaubonbons gibts noch bei Lidl. Ich hatte die für die Nachbarskinder zu Halloween 🎃 gekauft… Nachdem hier in den ersten Jahren gleich mehrere Kinderhorden klingelten, kam dann allerdings in den letzten zwei Jahren niemand mehr. Seitdem sitze ich hier quasi auf den Bonbons… 😉

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  1. Ein klasse in sich abgerundeter Beitrag. 😎 Quench – mir als ehem. Öko-Mutter noch nicht mal ein Randbegriff, doch bleiben auch mir einige Süßigkeiten der Kindheit im Kopf, die sich bis in die Gegenwart erhalten haben. Hatten wir allerdings früher bereits bei myTB, daher nur Beispiele: Tritop, Sirup war das, dann dem eng angelehnt „klare, glatte“ Lutschbonbons, Name ist weg, nicht Nimm 2, aber vermtl. selber Hersteller wie Werthers Echte. Dann zwar nicht Maoam, sondern kleinere Kaubonbons zu 1 Pf., verpackt auch wie lauter winzige Minipäckchen, die nach wie vor erhältlich sein könnten. Und halt weiche Gummimäuse oder -ketten mit aneinandergereihten Männchen … 😈

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  2. quench kenne ich zwar nicht, aber dass wir alle vom scheitel bis zur sohle durchkonditioniert sind, ist mir beängstigend bewusst – und einer der gründe, warum ich so viel saufe.
    eigentlich seltsam, dass ich quench nicht kenne, wo ich doch in jungen jahren nach brausepulver und brausestangen, sowieso allen bonbons (ausser „nimmzwei“) süchtig war. eine zeitlang, das war mitte bis ende der siebziger, gab es bonbons mit einem kaugummi in der mitte – die fand ich genial. ich kaufte sie immer am kiosk an der bushaltestelle. der besitzer hatte auch ein kleines buchgeschäft, in dem ich bald nach diesen bonbons auf den ersten bukowski stieß… danach wechselte die konditionierung.

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  3. Bei uns gabs Quench auch nicht. Aber nicht, weil es so süß oder ungesund war, sondern weil es meiner Mutter glaub zu teuer war. So neumodisches Zeug hat sie nie gekauft, sie glaubte nicht an den Kapitalismus und auch nicht an Werbung. Das war für sie alles Lüge. Was wir stattdessen getrunken haben? Viel Apfelsaft und literweise Milch, soweit ich mich erinnere.

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  4. Lange Zeit reimte sich kein Wort auf „Mensch“- deshalb erfand man Quench, denn jetzt konnte man werben mit „Jeder Mensch mag Quench“ als Pendant zu „Jeder Knilch trinkt Milch“ oder „Hast du es geschafft, dann kriegst du Apfelsaft“.

    Bist du mal ganz abgeschlafft,
    hast gar keine Lebenskraft,
    dann trinkste ’ne Berliner Weiße
    und sitzt noch tiefer in der …
    …Tinte.

    (Das reimt sich gar nicht,
    solche Schei…)

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