Mutter im Krankenhaus, Vater hoffentlich nicht bald auch noch

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Die krisenhaften Blutdruckanstiege mit einem systolischen Wert von teils über 200 häuften sich immer mehr – deshalb ist meine Mutter seit anderthalb Tagen wieder im Krankenhaus. Sie liegt auf der Kardiologie. Vermutlich hat sie tatsächlich – wie bereits befürchtet – eine Lyme-Borreliose im Stadium 2.

Meine Mutter ist selber Medizinerin und ging vor einigen Wochen zu einer niedergelassenen Internistin, um diesen Anfangsverdacht zu überprüfen. Die Dame nahm das Anliegen meiner Mutter jedoch überhaupt nicht ernst, sprach ihr sogar jede medizinische Kompetenz ab, weil sie angeblich schon zu lange aus dem Beruf heraus sei und keine Ahnung von der aktuellen Praxis habe, und faselte sogar von eingebildetem „Borreliose-Wahn“, der momentan dank Horrorberichten in Schmierenblättern unter Laien umgehen würde!

Dabei wurde meine Mutter tatsächlich im letzten Spätsommer und dann ein zweites Mal im Frühherbst bei der Gartenarbeit auf der großen Wiese auf dem Gelände meiner Eltern von möglicherweise mit Borrelien befallenen Zecken gebissen. Die sogenannte Wanderröte (ein typisches Borreliose-Symptom) muss nach solch einem Biss trotz erfolgter Borrelien-Infektion nicht unbedingt auftreten. Aber irgendetwas ließ das Immunsystem meiner Mutter verrückt spielen – eventuell war auch ein grippaler Infekt vor einigen Wochen der Grund dafür, dass die Borrelien sich durch die infolge dessen geschwächte Abwehr wieder stärker bemerkbar machen konnten mit Folgen wie Sinustachykardien, hohem Blutdruck, sowie Pulsrasen. Im Stadium 2 einer Lyme-Borreliose ist das Immunsystem oft nicht mehr in der Lage, die Infektion zu bewältigen.

Immerhin ließ die Internistin eine Blutuntersuchung im Labor machen, bei der herauskam, dass meine Mutter Borreliose-Antikörper im Blut hatte. Aber dieses sei angeblich kein Beweis für eine akute Infektion, sondern könne von irgendeiner harmlosen Infektion vor zig Jahren herrühren. Vielmehr hätte meine Mutter einen altersbedingt abnorm hohen Blutdruck, was eindeutig als Zivilisationserkrankung aus einer völligen Fehlernährung und Bewegungsmangel herrühren müsse! Dabei hatte meine Mutter zeit ihres Lebens nie zu hohen Blutdruck, eher zu niedrigen. Sie ist mit ihren 55 kg auch überhaupt nicht übergewichtig, achtet einigermaßen auf eine gesunde Ernährung und schuftet bei der Gartenarbeit wie ein Maulesel. Also keinesfalls Bewegungsmangel und Fehlernährung!

Vorgestern brachte ich meine Mutter (wie hier bereits im Blog berichtet) in die Notaufnahme – aber auch dort gab es Entwarnung. Die dort arbeitende Ärztin meinte, es könne vielleicht an der Aufregung im Vorfeld der schon länger geplanten und kommende Woche startenden Schilddrüsen-Radiojodtherapie liegen, dass meine Mutter aktuell zu hohen Blutdruck hätte und der hinzugezogene Nuklearmediziner, der sie auch nächste Woche bestrahlen soll, sprach ebenfalls – wie die ungläubige Internistin zuvor – von „altersbedingt“ und „Bewegungsmangel“ als Gründe für den abnorm hohen Blutdruck. Man verschrieb ein paar Blutdrucksenker und Beta-Blocker und schickte sie nach drei, vier Stunden wieder heim.

Ich glaube, die sahen in meiner Mutter, die immer eine exzellente Ärztin gewesen war (vor knapp 20 Jahren konnte sie sogar ein medizinisches Problem meines Kumpels Oliver in den Griff bekommen, an dem sich zuvor ein gutes Dutzend Mediziner anderthalb Jahre lang die Zähne ausgebissen hatten), eine hysterische alte Oma, die mit ihrer steinzeitmedizinischen Sachkunde inzwischen völlig hinterm Mond lebt… 😦 Mir kam das fast schon so vor wie jene „Experten“ in einem typischen Katastrophenfilm-Plot, die die eingehenden Warnungen allesamt in den Wind schlagen: „Wie, der Staudamm soll Risse haben und könnte brechen? Niemals!“, „Dieses Schiff ist wirklich unsinkbar!“, „Sie sind offensichtlich völlig hypochondrisch, zumal kein Experte, wie ich sakrosankte Koryphäe!“

Gestern auf der Kardiologie war das zum Glück anders. Zumal sich dort ein sehr glücklicher und völlig unerwarteter Zufall ereignete: Dort arbeitet nämlich eine ehemalige Klassenkameradin von mir als Personalassistentin des Chefarztes. Mit der heute als Kardiologin arbeitenden Frau war ich gemeinsam durch Kindergarten, Grundschule und Gymnasium gegangen – sie war damals sogar das einzige andere Kind, das sämtliche dieser drei Stationen mit mir gemeinsam durchlief. Dazu eine geschätzte Sandkasten-Spielkameradin, mit der ich immer bestens ausgekommen bin. Als sie in der Unterstufe des Gymnasiums war, hat ihr meine Mutter längere Zeit Mathe-Nachhilfe gegeben. Die beiden kennen sich also sehr gut, zumal sie sich auch später alle paar Jahre in „Graustadt“ über den Weg gelaufen sind. Insofern war es ein schöner Zufall, dass die Kardiologin nach einem erst kürzlich erfolgten Wechsel an diese Klinik nun ausgerechnet auf jener Station arbeitete, auf der meine Mutter gerade ist. Sie hörte meiner Mutter über eine Stunde lang geduldig zu, machte sich umfangreiche Notizen, fotografierte sämtliche Unterlagen ab, die meine Mutter akribisch zu ihrem aktuellen Krankheitsverlauf zusammengestellt hatte, und versprach, sich damit auch nach Feierabend zu befassen und sich energisch für meine Mutter einzusetzen. Sie glaubte meiner Mutter auch die Geschichte mit der Borreliose, hielt diesen Verdacht für höchst plausibel. So wie ich meine ehemalige Klassenkameradin einschätze, wird sie nun tatsächlich sämtliche Hebel in Bewegung setzen, damit meine Mutter bestens untersucht und behandelt werden wird. 🙂

Heute wurde bei meiner Mutter eine Lumbalpunktion durchgeführt – in einigen Tagen gibt es dann Gewissheit. Aber auch aufgrund der bereits gestern und heute erfolgten, sehr gründlichen und umfangreichen Untersuchungen scheint es leider wirklich sehr wahrscheinlich zu sein, dass sich die konkreten Befürchtungen meiner Mutter bestätigen werden: Eine weiter fortgeschrittene Borreliose-Erkrankung ist sehr wahrscheinlich der Grund für die Achterbahnfahrt des Blutdrucks und die anderen unerfreulichen Symptome, unter denen meine Mutter akut leidet.

Die schon länger geplante Radiojodtherapie der Schilddrüse soll nun parallel zur vermutlich notwendigen Borreliosebehandlung mit hochdosierten Spezial-Antibiotika durchgeführt werden. Ich hoffe, meine Mutter steckt das gut weg, sie geht schließlich auch schon stramm auf die 80 zu!

Größere Sorgen, als um sie, mache ich mir aber um meinen dieses Jahr 80 werdenden Vater, der gesundheitlich stark angeschlagen und inzwischen recht gebrechlich – er hat sich von seinem Krebs vor einigen Jahren nicht mehr richtig erholt – mindestens zwei Wochen lang allein auf sich gestellt sein wird. Hoffentlich stürzt er nicht, wenn er ungewohnte Tätigkeiten verrichten muss, wie Essen zubereiten, etc.. Ich habe ihm zwar angeboten, dass ich ihm helfen kann, wo es nur geht (Mahlzeiten organisieren, Einkäufe, etc.), aber er möchte das nicht und will sich lieber selbst versorgen. Dabei hat er eine ausgeprägte Herzschwäche, sehr spröde Knochen und kann nur noch wenige Dutzend Meter am Stück laufen, ohne völlig aus der Puste zu geraten. Gleich heute Morgen ist er trotz Glatteis in aller Herrgottsfrühe stur Einkaufen gefahren und zuvor wackelig die noch überfrorenen Vorgartentreppenstufen heruntergehumpelt…

Drückt mir mal die Daumen, dass das alles gut gehen wird!

13 Gedanken zu “Mutter im Krankenhaus, Vater hoffentlich nicht bald auch noch

  1. Ich drücke auch die Daumen! Dieses Gefühl, bei Ärzten nicht gehört zu werden, obwohl man recht hat, kenne ich ja nur zu gut. Das ist ein sehr glücklicher Zufall gewesen, dass ihr auf deine Bekannte getroffen seid. Zu deinem Vater : ich verstehe nicht, warum er so stur sein muss. Wem will er noch was beweisen mit seinen 80 Jahren? Dieser unverbesserliche Altersstarrsinn bei vielen in dem Alter macht mich richtig wütend. Sollte er fallen und sich was brechen, war es das für ihn. Es braucht enorm viel Kraft, in dem Alter nach einer wochenlangen Liegezeit wieder auf die Füße zu kommen, die er nach deinen Schilderungen aber nicht hat. Das muss ihm doch bewusst sein. Wie kann man seine Gesundheit so riskieren? Es gibt Essen auf Rädern und auch bei anderen Alltagsbesorgungen hättest du geholfen. Ich könnte mich da richtig reinsteigern. Unfassbar die Alten!

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    • Meine Oma war sogar noch sturer. Die warf sogar ihre Latschen weg, wenn man außer Sicht war, um sich dann sofort wieder Schuhe mit hohen Absätzen anzuziehen… Völlig unvernünftig! Leider sind sehr viele alte Menschen so starrsinig und uneinsichtig. Philomenas Vater starb übrigens nach einem Sturz… 🙁

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      • Das kenne ich von meiner Tante. Weit über 80, aber SIE läuft doch nicht an einem Rollator! Ein Pflegedienst? Das fehlte noch, sie kann doch noch alles, und das was nicht geht, macht ja meine doofe Mutter. Zum Beispiel sie baden und waschen. Schön blöd. Auch die Oma meines Mannes starb vor einem Jahr an den Folgen eines Sturzes. Aber das ist nochmal ein kompletter Eintrag, den ich irgendwann mal schreibe.

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  2. Streitthema „Borreliose“ – ist mir beruflich auch leider nicht unbekannt. Vor zwei Jahren habe ich mal einen Vortrag eines Neurologen gehört, der ähnlicher Meinung war, wie die Internistin deiner Mutter. Das Problem ist, dass der Borreliose eine Vielzahl unspezifischer Symptome zugeordnet wird, die aber durchaus auch anderen Ursprungs sein können. Wie auch immer – am Wichtigsten ist ja, dass deiner Mutter geholfen wird, egal welche Diagnose am Ende dahintersteht. Und dafür drücke ich natürlich auch die Daumen.

    Was den Altersstarrsinn angeht, so sind die alten Leute offenbar alle ziemlich ähnlich. Meine Mutter möchte mit ihren 88 Jahren auch noch alles allein machen und es war Schwerstarbeit, sie davon zu überzeugen, sich zumindest bei einem kleinen Teil helfen zu lassen. Ich glaube, es mag daran liegen, dass sie sich ihre eigene Gebrechlichkeit und Schwäche einfach nicht eingestehen wollen und sich möglicherweise so fühlen, als könnten sie wirklich noch alles so wie in jungen Jahren. Ich hoffe, dass dein Vater die Zeit allein gut übersteht.

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  3. Auch von mir alles Gute!

    Borreliose ist kein Spaß. Hatte ich vor ca. 10 Jahren und ich kämpfe teils immer noch mit den Nachwirkungen. Ich hatte aber u.a. das klassische Symptom – die Wanderröte. Zum Glück, würde ich sagen, da dann gleich richtig diagnostiziert wurde.

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  4. Ich hoffe sehr, dass Deine Mutter richtig behandelt wird, und das bedeutet nach doch fast einem halben Jahr, in dem die Borrelien Zeit hatten zu wandern, dass unbedingt entweder (besser) i.v. oder längerfristig (mind. 4 Wochen!) oral behandelt werden muss. Schau auf die Seiten des Borreliose-Bundes (Borreliosebund.de), wo Du auch die Behandlungsleitlinien der Deutschen Borreliose Gesellschaft findest. Ich erhielt erst nach 6 Jahren die richtige Diagnose und wurde selbst dann lange immer wieder zu kurz und unterdosiert mit Antibiotika behandelt, weil es die Ärzte nicht besser wußten. So konnte ich diese Krankheit, die mich wirklich fast meine Existenz kostete, erst nach mehr als 10 Jahren loswerden. Übrigens, jede andere /Erkrankung/Behandlung kann die Borreliose triggern und die Behandlung erschweren, also aufpassen!

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