Kalter Kaffee in blassen Tassen

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0027 Trübe Tasse

Ich trinke meinen Kaffee – schwarz wie die linke Arschbacke eines Massai-Kriegers – während des Schreibens gerade aus einer ziemlich trüben Tasse: Nur noch schemenhaft lässt sich darauf erkennen, dass hier mal eine Karte des Nürburgrings mit Beschriftung der Schikanen, Kurven und Streckenabschnitte aufgedruckt war. Stark verblasst inzwischen, wie so vieles hier in Haus „Zweieichen“, oder genauer gesagt von meinen Dingen, bzw. noch treffender von mir. Ich bin nämlich inzwischen auch ernstlich ausgeblichen: Der Lack ist ab! Auch viele Erinnerungen verblassen. Zudem hat das Konzentrationsvermögen stark nachgelassen. Ich tippe mittlerweile langsamer und von deutlich mehr Denkpausen durchsetzt meine Blogeinträge. Nicht so, wie einst vor etlichen Jahren bei myTagebuch, als ich meine Einträge in einem Bruchteil der heute dafür benötigten Zeit knatternd wie ein Maschinengewehr in die Tasten drosch – und dennoch stets einen literarisch anmutenden, vor Pointen strotzenden Essay als Endergebnis hochladen konnte. Bin diesbezüglich regelrecht neidisch auf die Fähigkeiten eines rund anderthalb Jahrzehnte jüngeren Hypers, der damals selbst im Halbsuff zwischen zwei Feten noch ein paar spritzig-elegante Zeilen einfach mal eben beiläufig hinwerfen konnte, die mir heutzutage nicht einmal nach stundenlangem Überlegen in den Sinn kämen.

Vielleicht lag das aber auch daran, dass ich damals einfach erheblich mehr Input hatte, als hier im eremitischen Exil von Haus „Zweieichen“. Ich lebte in Großstädten, kannte hunderte von Leuten und kam täglich hierhin und dorthin. Damals fuhr ich morgens mal eben zig Kilometer in Claudes Firma, danach wieder heim, traf mich nachmittags in irgendeinem Szene-Café mit irgendwelchen Ex-Studienkollegen, ging mit irgendeinem Schwarm von mir auf eine frühabendliche Vernissage, danach direkt von dort aus in meine abendlichen Fortbildungskurse und später noch auf gleich zwei Partys, den Tag ließ ich dann schließlich in einem rauchschwadenverhangenem Nachtclub ausklingen, als es morgens schon dämmerte, bevor ich gleich wieder in einen weiteren ähnlich ausgefüllten Tag startete. Heute ist es schon viel, wenn ich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen überhaupt meine Nase aus der Haustür stecke. Freunde sind nur noch zwei oder drei übrig – die man dann auch nur noch alle Jubeljahre trifft. Früher war eindeutig „mehr Lametta!“ Im Prinzip musste ich nur skizzenhaft niederschreiben, was ich unmittelbar zuvor erlebt hatte, um daraus beste Leserunterhaltung zu extrahieren. Ich war ein guter Beobachter mit einem Auge für Details. Die vielen anekdotenhaften, randständigen Beobachtungen und Stimmungsbilder flossen adjektivreich in das straff formulierte Grundgerüste der Einträge meiner frühen myTagebuch-Jahre ein.

Heute lebe ich anders – muss ich anders leben. Mein Nervenkostüm und meine Leber würden solche Dauerexzesse auch gar nicht mehr mitmachen. Ich bin physisch und psychisch kaum noch belastbar. Kann mich auch nicht mehr länger konzentrieren. Schon jetzt raucht mir beim Tippen wieder der schmerzende Kopf. Ich beginne zu schwafeln, der Text fängt an in Wiederholungen zu kreisen, ich komme nicht auf den Punkt. Nicht so, wie früher. Da war jede Zeile messerscharf formuliert. Die Pointen saßen so perfekt, wie meine damals heißgeliebten Maßanzüge. Peng, peng, peng…

Vielleicht hat Rudi recht mit seinen Verschwörungstheorien und die kippen uns tatsächlich etwas in Trinkwasser, um uns zu verblöden. Oder spritzen uns mit verseuchten Impfungen, Chemtrails, RTL2 und der Handystrahlung blöde. Wie sonst könnte man sich erklären, dass man früher so druckreif formulieren konnte? Analytisch denken, pointieren, Quintessenzen exzerpieren, geschliffene Debatten über Stunden in hochkonzentrierten Gesprächsrunden führen? Erinnert Ihr Euch noch an die tiefgründigen Dialoge alter Filme und Romane? Viele der Jüngeren können das gar nicht mehr – erst recht nicht aktiv formulierend, aber auch passiv konsumierend nicht mehr. Strukturierte Streitgespräche führen. Politisieren und philosophieren. Einfach zu schwere Kost! Liegt sicherlich doch daran, dass da inzwischen eine ganze nachfolgende Generation mit Kurznachrichtengestammel in nur vermeintlich sozialen Netzwerken aufgewachsen ist – unfähig zum kritischen und eigenständigen Denken. Überangepasste Wiederkäuer, die nur noch hirntot nachsabbern können, was ihnen Politik, Medien und sogenannte „Influencer“ vorverdaut vor die Füße kotzen! Rundgelutschte und eierlose Existenzen in der fremdgesteuerten Vollkasko-Komfortzone…

Aber ich möchte mich da gar nicht generell von ausnehmen. Ich selbst starre auch mehr auf Bildschirme und lese weniger in Büchern. Ich sitze mehr auf meinem Arsch und gehe seltener an die frische Luft. Ich degeneriere langsam. Kann mich auch nicht mehr so fokussiert Dingen widmen, wie einst. Mich weniger gut geistig sammeln. Vielleicht bin ich inzwischen auch einfach nur pappsatt. Lebensvoll. Lebenssatt. In jenen aktiven Jahren habe ich unheimlich viel unternommen und gesehen. Bin um die Welt gereist. Habe täglich neue Menschen kennen gelernt, die de facto über fast alle auch nur irgend möglichen Marotten, Charakterzüge und sonstigen Ausprägungen verfügten, die man sich nur vorstellen kann. Alle Interaktionsmuster ausprobiert und sämtliche Geschichten gehört. Ich glaube, mein Geist ist nun einfach voll. Das Hirn-Fass fast bis zum Überlaufen gefüllt. Mich kann nun nichts mehr schocken – aber auch schon lange nicht mehr begeistern. Geistiger und körperlicher Stillstand. Tote Hose ebenfalls.

Zudem habe ich alles totanalysiert und hin und her gedacht bis zur Selbstauflösung. Aber ich bin irgendwie auch anders, in noch einem weiteren Sinne einfrierend an einer Art „Endpunkt“ stehen geblieben – möglicherweise auf dem Neben- bis Abstellgleis eines erfüllten Lebenslaufes: Andere haben nach wilden oder gelehrigen Zeiten (im Idealfall beides zeitgleich) ihre Lebensposition, bzw. -aufgabe gefunden, sich selbst verwirklicht, eine ausfüllende Arbeit oder Karriere gefunden und Großteils auch eine Familie gegründet. Kurzum eine Riesenaufgabe ausgewählt, die meistens auch mit Verantwortung einhergeht. Jahrelang bindet und beschäftigt. Ich flottiere da in meiner jetzigen Lebenslage eher frei herum, ungebunden, uneingebunden, unangebunden – aber dadurch auch sinnlos in der Beliebigkeit verdriftend… Aber ich möchte mit den Anderen, diesen Vollbeschäftigten, nicht tauschen: Zuviel unablegbare Verantwortung und geistige Enge für meinen Geschmack! Aber zurück in die alten Zeiten voller wildem Aktionismus möchte ich auch nicht. Immer noch feucht-fröhliche Gelage in meinem Alter? Damals hingen in den angesagten Clubs und Bars stets vereinzelt ein paar peinliche Ältere ab – schon grauhaarig. So alt, wie ich inzwischen. Mal ganz abgesehen von meiner Gesundheit und vor allem der Leber, die das nicht mehr verkraften würde – solch ein Partyleben mit mehrmals wöchentlichem Vollrausch wäre in meinem jetzigen Alter einfach nur hochnotpeinlich. Man hätte als schrulliger Nightlife-Opa quasi den „Loser“-Stempel auf der Stirn…

Wieso wälze ich diese Gedanken hier aus? Was hat mich zu dieser Hirnwichse inspiriert, die ich hier gerade absondere? MyTagebuch-Nostalgie. Vielleicht war Blogger-Kollege „rabi“ mit seinen in letzter Zeit häufigen Rückblenden und aus tiefen, staubigen Schubladen ans virtuelle Tageslicht gezerrten Blogbeiträgen ein bisschen Schuld daran, dass ich heute selbst in meinen uralten myTagebuch-Einträgen gestöbert habe… Ich habe nämlich den Großteil davon im hintersten Winkel meiner Computerfestplatte gespeichert. Nur von den Einträgen vor 2003 fehlt mir das Meiste, da es damals durch einen Festplattencrash vernichtet wurde, bevor ich die Materie „Datensicherung“ ernster nahm. Hunderte Einträge sind damit im Orkus gelandet. Einige wenige hatte ich aber zusätzlich auf CD gebrannt (oder war das damals noch Zip-Disk?) und später wieder auf eine Festplatte kopieren können, so dass ich sie mir heute nochmals ansehen konnte. Mich erstaunte es dabei – mit einem Schaudern – wie anders ich damals schrieb (pointiert, stringent, konzentriert, präzise, dabei bildgewaltig und reizvoll). Nicht so ein Geschwafel, wie jetzt gerade vor Euren Augen (solltet ihr bis hierhin überhaupt durchgehalten haben)! Ich schrieb natürlich nicht nur anders, ich lebte vor allem auch völlig anders. Ob das nun besser oder schlechter war, dass mag ich gar nicht sagen. Mir wär‘s heute sicherlich zu anstrengend. Damals war das teils eine einzige emotionale Achterbahnfahrt! Heute kann ich darüber nur den Kopf schütteln, wenn ich dieses alte Zeug lese. Mir kommen die alten Gedankengänge und Handlungsweisen im Vergleich zur heutigen Geruhsamkeit fast „manisch“ vor! Nee, Du – datt wär heut nix mehr für so’nen alten Knochen… 😉

Dann lieber damit leben, dass der Lack ab ist und die alten Erinnerungen langsam verblassen, wie der Nürburgring-Becher vor mir, in dem der letzte Schluck schwarzen Gesöffes inzwischen auch kalt geworden ist. Was ist denn diese ganze Erinnerungsnostalgie letztendlich anderes, als prinzipiell „kalter Kaffee“?

13 Gedanken zu “Kalter Kaffee in blassen Tassen

    • Der Typ treibt mittlerweile irgendwo im Ausland sein Unwesen – nach Deutschland darf er die nächsten Jahrzehnte nicht mehr einreisen, denn dann würde er umgehend eingeknastet. Der hat vor etlichen Jahren nämlich Anleger um 47 Millionen Euro geprellt. Kannte den halt schon seit der Schulzeit, wo er noch nicht ganz so übel drauf war. Aber den Arschlochkeim hatte er natürlich schon damals in sich – Erfolg und trumpesker Größenwahn ließen dann in den Folgejahren diese Saat aufgehen und prächtig gedeihen…

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  1. Ich finde, du bist nach wie vor ein sehr guter Beobachter und formulierst deine Beiträge detailreich, pointiert und oft amüsant wie eh und je. Ich erkenne also keinen Verfall 😉. Nichtsdestotrotz werden wir alle älter. Auch ich kann mir so vieles, was ich früher auf die Beine gestellt habe, heute nicht mehr vorstellen. Doch jede Lebensphase hat ihre schönen, wenn auch anderen Seiten 🙂

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  2. Bist nur gereift, sowas ist von unermesslichem Wert. Warum sich literarisch überhöhte Ansprüche stellen? Lesen doch eh bloß wir hier. Bin seit eh und je beeindruckt über Deine Schreibe. Last but not least: Hauptsache, Dein Humor stirbt zuletzt.

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  3. jede lebensphase hat was. vom nachtrauern halte ich nicht viel. die dinge ändern sich. man selbst ändert sich. früher passte ich noch in kleidergröße dingsbums, heute brauche ich größe dingsbumsbums.
    so ist das eben. der lauf der dinge. das alte elend. die immerselbe geschichte.
    klar, verstehe ich dich. ich hadere selbst damit. alles lässt nach. scheiße, sogar der sex. es ist ein alptraum. und nun auch noch das schreiben…, nur gut, dass ich früher darin auch nicht besser war. ich weiß nicht. oder schneller? nö, glaube nicht. schreiben war für mich nie ein hundertmeterlauf.
    in kneipen hänge ich immer noch gern rum, nur nicht mehr so häufig, und nicht mehr bis zum bitter end. damit kann ich leben. kann mich sowieso an das meiste nicht mehr erinnern. all diese alkoholbedingten erinnerungslücken in meinem leben. wenn ich die an ein stück hängen würde und von meinen lebensjahren abzöge, dann wäre ich… pi mal daumen 10 jahre jünger. na ja. ich will auch nicht übertreiben.
    ich war schon immer eine faule ratte. damals wie heute. ich kann prima nichts tun. einfach an einer bar sitzen, lecker bier trinken und die etiquetten der spirituosen anglotzen… dabei bleibt die zeit fast stehen, und das finde ich wunderbar.

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