In der Knieste gibt es nichts zu bejacken…

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Vor dem Tippen dieses Blogeintrags aß ich gerade ein paar leckere Frikadellen kalt aufs Brot, die Philomena gestern spätabends (eigentlich war’s schon fast Mitternacht) in der Küche gebraten hatte, während ich auf dem Gästeklo eine längere Sitzung niederbringend mit Inorbit telefonierte – nennt man sowas dann „PottCast?“ Als Philomena fertig gebraten hatte, telefonierte dann sie mit Inorbit weiter (der den ansässigen Mitbloggern als „orbi64“ bekannt ist) – ich trank auf der Schüssel in Ruhe meinen Espresso und las gemütlich auf meinem Tablet…

Apropos Philomena: Diese schaute mich neulich mit einem über dem Kopf schwebenden Fragezeichen verständnislos an, als ich sie fragte, was wir an ihrem Geburtstag „nun noch bejacken“ könnten. Bejacken? Wir lernten zwar im Laufe der Jahre einige Slangausdrücke des jeweils anderen. Die Dialekte färben teils sogar aufeinander ab (ich beginne Antwortsätze mittlerweile gerne wie Philomena mit „Ei“ – „Ei, das können wir mal machen“…). Aber „bejacken“ gehörte offensichtlich eindeutig nicht zum Philomena mittlerweile bekannten Lokalslang von „Obergüllestunk“ und „Graustadt“. Ähnlich reagierte sie, als ich kürzlich meinte, „dass jemand mitten in der Knieste wohnt“ – auch das war ihr weder aus dem süddeutschen, noch aus dem hiesigen norddeutschen Raum bekannt. Woher hatte ich bloß diese Begriffe aufgeschnappt? Vermutlich bereits in frühester Kindheit von meiner Großmutter mütterlicherseits, die gebürtig aus Ostpreußen stammte. Die benutze fortwährend solche Wörter, die wir Kinder immer ganz besonders toll fanden, weil niemand außer ihr diese Wendungen gebrauchte: bejacken, „in die Knieste schicken“, schmackostern!

In wie fern diese Ausdrucksweise typisch ostpreußisch war (oder ob sie sich einiges auch aus anderen Lokaldialekten späterer Wohnorte angeeignet hatte), weiß ich leider nicht. Ich googelte beispielsweise „bejacken“ und fand dazu nahezu nichts im Netz – zumindest keinen eindeutigen Ostpreußenbezug und auch nicht den Gebrauch im Sinne von „unternehmen“, „anstellen“. Die Oma meinte damit nämlich immer „etwas unternehmen“ – eher leicht augenzwinkernd im Sinne von „etwas anstellen“, „aushecken“, „ausfressen“. Vielleicht sogar „einen drauf machen“ – denn damit schließt sich der Kreis zur einzigen Verwendung von „bejacken“, die ich dann doch noch auf meiner Websuche in einem Ex-DDRler-Blog fand: „Bejacken“ wurde offenbar vor der Wende im Osten im Sinne von „besaufen“ benutzt. Sich einen „hinter die Binde“, bzw. „in die Jacke“ kippen. Zumindest im Raum Halle und im Ostteil von Berlin war dieses Synonym für ein Sturzbesäufnis bekannt. Der Ost-Blogger (Ostblock!) und seine Kumpels hatten sich früher seinen Schilderungen nach andauernd bis zum Filmriss „bejackt“ – sicherlich auch eine Methode, dem grauen Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat zu trotzen…

Zum „in die Knieste schicken“, bzw. „in der Knieste wohnen“ fand ich im Netz (zumindest nach nur eher kurzer Suche) leider auch nichts Eindeutiges, bzw. Ostpreußisches. Ich selbst gebrauche den Ausdruck wohl eher selten (Philomena reagierte wieder mit schwebendem Fragezeichen und meinte auch, sie möge diesen Ausdruck nicht sonderlich) und im Sinne von „Wüste“, „Ödnis“, „Kuh-Kaff“, „Arsch der Welt“. Jemand wird bei mir dann „in die Knieste geschickt“ oder „haust mitten in der Knieste“. Ich glaube die Großmutter benutzte diesen Begriff bei ähnlichen Anlässen, aber es kann sein, dass sie diese abgelegene Gegend nicht als „Wüste“ auffasste (wie ich es im Geiste tue), sondern eher als „Kartoffelacker“. Indiz dafür ist, dass ich nach kurzer Recherche im Internet ein aus dem Harz stammendes und dort typisches Tellergericht „Hackus und Knieste“ fand – wobei „Hackus“ für Hackfleisch steht und „Knieste“ für Kartoffeln. Wenn also ein Auto von der Straße abkommen sollte und „in der Knieste“ landet, dann wohl mitten im Kartoffelacker. Dort wohnt es sich dann zwar auch recht abgelegen, aber immerhin auf dem Bauernhof und nicht wirklich in der wüsten Ödnis…

Zum „Schmackostern“ fand ich dafür gleich etliches mehr, u.a. auch einen eigenen Wikipediaeintrag. Wenn wir Kinder nicht angemessen brav waren, drohte die Oma damit uns „ordentlich zu schmackostern“! Im Sinne von „eins auf die Finger hauen“. Als Schmackostern bezeichnet man (dieser speziellen großmütterlichen Verwendung als Kinder-Disziplinarmaßnahmen-Androhung ungeachtet) im engeren Sinne eigentlich einen uralten mittel- bis osteuropäischen Brauch – vermutlich bis in vorchristliche Zeiten zurückgehend – bei dem insbesondere Mädchen und unverheiratete Frauen an den Ostertagen von Jungs und jungen Männern mit Birkenreisig oder in anderen Regionen mit „Kaddick“ (Wacholderzweigen) geschlagen wurden. Nicht im Sinne einer Gewalttat, sondern eher neckend gemeint. Das Schlagen mit der „Lebensrute“ war wohl ursprünglich eher als eine Art Fruchtbarkeitsritual gedacht, schließlich kam man sich dabei auf leicht übergriffige Weise näher, zumal die Opfer dieses Brauches oft mit Reisighieben auf den nackten Hintern aus dem Schlaf geholt wurden. Anschließend griffen sich die Mädchen die Birkenzweige und verfolgten die Jungs. Ein anderer Osterbrauch, von dem die Oma uns Kindern früher gerne erzählte, war das holen von „Osterwasser“ – dieses erfolgte in der Osternacht durch junge Frauen und Mädchen, die dazu schweigsam (man durfte kein Wort auf dem Weg sprechen) an eine Quelle zogen, um mit Krügen das besondere „Osterwasser“ zu schöpfen, von dem man sich dann zuhause einige heilsame und mystische Wirkungen erhoffte. Natürlich überfielen die frechen Dorfbengel auch diese sittsam-schweigende Mädchenkarawane – „schmackosternd“! Es war demnach allerhand los, im alten Ostpreußen…

In Ostpreußen gab es einstmals oft „Königsberger Klopse“ zu essen; ein mit Kapern verfeinertes Tellergericht, das uns außer der Großmutter auch noch meine Mutter regelmäßig kredenzte, als ich noch zuhause wohnte. Die Ostpreußin nannte die Königsberger selbst „Kochklopse“ (vielleicht ein bisschen so ähnlich wie das Krapfengebäck „Berliner“ in Berlin nicht „Berliner“, sondern „Pfannkuchen“ heißt) – auch in Abgrenzung zu den „Bratklopsen“. Bratklops hatte ich eben wie eingangs erwähnt zum Brunch. Anderenorts heißen diese dann „Frikadellen“, „Buletten“, „Bouletten“, „Fleischpflanzerl“, „Fleischleiberl“ oder „Fleischküchle“… Philomena würde „Fleeschkiechelcher“ dazu sagen. Ich eher „Bratklopse“. Vielleicht sollten wir uns auf etwas Gemeinsames einigen: „Ei, heut gibt’s Bratkiechelcher!“ Oder „Frikaletten“… Guten Appetit!

3 Gedanken zu “In der Knieste gibt es nichts zu bejacken…

  1. Als einziges hat meine aus Braunsberg bei Königsberg stammende Schwiegermutter lediglich ihre Königsberger Klopse an ihre „Männer“ überliefert. Jedenfalls nicht diese beiden Begriffe, nach denen Du recherchierst hast. Sie lebte übrigens von 1909 bis in den Neunzigern. Vor Jahren schob aus dem Altersheim nebenan – derweil längst neu bebaut, dieses parkartig weitläufige Grundstück, Heim wurde ersatzlos abgerissen – also, da schob eine betagte ostpreußisch stämmige Bewohnerin ihren Rolli gern mal zu einem kurzen Plausch an meiner Hütte vorbei. *rspr* Krieg ich nur unter erschwerten Umständen in die Tasten, denn diese an sich recht vornehme Dame wiederholte etwas, das ich mir einst von der Schwiegermutter anhören mußte. Es kam darin „Finger in den Popo stecken“ vor. Ich glaub sogar wortwörtlich. 😳

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  2. Mir sagen diese Wortschöpfungen nichts, allerdings gibt es hier zumindest vom Wortlaut etwas ähnliches: statt bejackt kenne ich kujacken/kujaxen. Mein Vater hat öfter zu mir gesagt „biste wieder am kujacken?“, was bedeutet, dass ich ziemlich albern war. Und statt Knieste kenne ich „Knies“, was entweder Streit oder Dreck bedeutet.

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