von Kieslastern und Krötenkühlschränken

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Ein heftiger Schlag ließ die Karosserie erzittern – ein lauter, scharfer Knall, als ob es tragende Teile zerreißen würde. Als ich Donnerstagabend zum Einkaufen fuhr, war ich im Dunkeln aus Versehen durch ein kolossales Schlagloch gefahren… So ist das hier in unserem „failed state“ von Pleite-Bundesland mittlerweile – wird höchste Zeit für einen „Aufbau West“! Wenn Rudi bei mir zu Besuch war, meinte er manches Mal: „Eure Straßen hier sind ja schlimmer, als früher bei uns im Osten!“ Oberflächlich betrachtet war hinterher zum Glück nichts kaputt gegangen – nur das „Abbiegelicht vorne links“ wurde vom Borddiagnosesystem gleich wieder als „defekt“ angezeigt, dabei hatte ich gerade genau diesen Fehler erst vor wenigen Tagen reparieren lassen, als ich eh zum Bremsflüssigkeitswechsel in der Werkstatt war. Ärgerlich. Unser neuer Wagen ist was Straßenschäden angeht noch mimosenhafter, als es mein altes Sportcoupé schon war. Die Limousine verfügt über ein extrem straff abgestimmtes Fahrwerk der herstellereigenen Tuning-Abteilung – am besten fährt man damit wohl nur auf frisch asphaltierten Rennstrecken und nicht in solchen postapokalyptisch anmutenden Infrastruktur-Notstandsgebieten, wie man sie in unserer Gegend leider recht verbreitet antrifft… Gerade die Vorderachsaufhängung scheint mir sehr schlagempfindlich zu reagieren – vermutlich liegt das auch am Allradantrieb. Meine vorherigen Autos hatten alle Heckantrieb.

Ich war auf dem Weg zum Einkaufen in einen Supermarkt am Südrand von „Klein-Arabien“. Da es sich um das berüchtigte „Kaufland“ handelte, über das ich schon in diesem Eintrag berichtete, hatte ich extra meine olivgrüne „Aggro-Jacke“ angezogen. Normalerweise ziehe ich immer eine fast 20 Jahre alte, ziemlich abgefuckte, schon speckig gewordene Bugatti-Winterjacke an, wenn ich nur in den Supermarkt fahre (und nicht irgendwohin, wo anständige Leute verkehren). Da ist es dann auch nicht weiter schlimm, wenn man sich mit dreckigen Kofferraumkisten- oder Wasserkästen-Kanten Schmuddelränder auf den Wanst stempelt. Aber speziell in jenem Supermarkt möchte ich nach einschlägigen Erlebnissen nicht wie eine Halbassi-Lusche aussehen, sondern lieber eine Optik an den Tag legen, die mir „Respekt“ verschafft. Deshalb also diese extra dick wattierte, breitschultrige Joppe irgendwo zwischen Biker- und Bomberjacke. Schön martialisch, damit das Volk erbötig zur Seite hüpft, wenn der Babo kommt!

Nötig war das aber glücklicherweise bei diesem Kaufland-Besuch nicht – das einzige, was ich mit meinem Look erreicht war, dass sich kleine Kinder vor mir ängstigten: Zwischen Keksen zur Linken und Knabbereien zur Rechten kam mir ein kleiner Bub entgegen, der drehte sich gleich mit weit aufgerissenen Augen zu seinem ihm nachfolgenden Vater um und rief: „Papa! Pass auf!“ „Was ist denn?“ „Papa! Da kommt ein Mann!“ „Den sehe ich doch, keine Sorge…“ Der Vater zwinkerte mir belustigt zu, ich zwinkerte leicht nickend zurück.

Andere Kinder nahmen hingegen keine Notiz von mir – vermutlich weil sie Bevölkerungskreisen entstammten, die generell völlig abgestumpft sind: Eine zwei Kubikmeter-Mama in Zelt und Leggins schob ihren fast bis zum Rand mit eingeschweißten Suppenhühnern und sonstigem Billiggeflügel, sowie haufenweise No-name-Toastbroten und Billig-Bonbon-XXL-Packungen befüllten Einkaufswagen vor sich her – ihr folgte eine vielköpfige Kinderschar. Der Optik nach von mindestens drei verschiedenen Vätern. Eines der Kindlein wurde nahezu im Sekundenrhythmus angekeift und zurechtgewiesen: „Kies, komma da wech! Kies! Lasset liegän, Kies! Kies, du kriechs gleich eine geschallert!“ Kies! Wer nennt seine Kinder Kies? „Kies, wie heißen deine Brüder?“ – „Schotter und Splitt…“ Vermutlich hatte sie ihren Sprössling „Keith“ getauft. Ob ihr Vorbild dazu Keith Richards, oder Keith Haring gewesen sein dürfte? Ich vermute mal ganz stark: Keiner der beiden.

Sooo schlecht ist das Kaufland am Südrand von „Klein-Arabien“ übrigens gar nicht. Bei dem großen Warenangebot, dass es dort gibt, findet man auch erstaunlich viel gescheite Dinge: Ich entdeckte in der Gemüsetheke u.a. Bio-Fenchel. Philomena schnitt mir nach dem Einkauf in der Küche gleich eine halbe Knolle zum Rohverzehr auf. Ich kannte das gar nicht, dachte, man müsse den immer kochen, schmoren, oder ähnlich zubereiten. Dabei schmeckt Fenchel auch als Rohkost ganz vorzüglich! Ganz so, wie der Fencheltee, den ich von früher kannte…

Heute (also Freitag – ich schreibe mal wieder so spät in der Nacht, dass es nun bereits Samstag ist) kontrollierten wir – mit Spannung erwartet – nach längerer Zeit erstmals den Gesundheitszustand unserer in der Winterstarre befindlichen Griechischen Landschildkröte. Sie starrt zurzeit mit mehreren Temperaturfühlern überwacht in jenem Kühlschrank, der eigentlich Philomenas Parfümkühlschrank ist. Philomena verfügt über eine sehr exquisite, breit gefächerte Kollektion von Duftwässern – hauptsächlich seltene Nischendüfte. Sie engagiert sich da zeitweilig auch in einer großen Internet-Community, in der man Flakons und Pröbchen untereinander tauscht und sich Abfüllungen zukommen lässt. Ein faszinierendes Hobby, das bei mir gleich mit großem Wohlwollen betrachtet auf fruchtbaren Interessiertheits-Boden fiel, als sie mir vor etlichen Jahren davon berichtet. Seitdem lege ich nicht nur mein altvertrautes „Knize Ten“ auf, sondern schöpfe aus einer täglich wechselnden Vielzahl von seltenen und erlesenen Duftnoten.

Philomenas Sammlung ist Sommers in einem unserer Küchenkühlschränke beheimatet, damit die empfindlichen Wässerchen nicht hitzebedingt vorzeitig „umkippen“, wie man das beispielsweise auch von Weinflaschen kennt, die man entsprechend ebenfalls kühl lagert. Im Winter zieht bei uns frischgebackenen Schildkröteneltern (wir haben das Tier erst letzten Sommer von meinem Bruder übernommen) die Duftsammlung an einen anderen kühlen Ort um, und das kleine Panzerreptil in den Kühlschrank ein (der selbstverständlich zuvor etliche Tage lang bei geöffneter Tür auslüftete). Dort hält es in einer mit trockenem Buchenlaub gefüllten Kiste seine Winterstarre und auf den anderen Glasböden liegen anderthalb Dutzend Wasserflaschen, damit die Temperatur im Schrankkorpus möglichst schwankungsfrei konstant bei ungefähr 4 bis 5 Grad Celsius bleibt.

Man soll die Tiere in der Winterstarre nicht unnötig stören, deshalb holten wir den kleinen Kröterich auch erst jetzt (ungefähr zur Halbzeit der Starre) aus seinem Laubversteck. Manche Tiere bekommen während der Starrzeit die sogenannte „Panzerröte“ – dabei verfärbt sich der Bauchpanzer blassrosa bis leuchtend rot. In letzterem Fall ist das für das Tier lebensgefährlich und es muss nicht nur sofort aufgeweckt, sondern sicherheitshalber auch zum Reptiliendoktor gebracht werden, denn schuld an dieser Rotverfärbung ist vermutlich eine Sepsis, die sich während der langen Inaktivität bilden kann. Durch die lange Reglosigkeit kann es auch durch eine Art schwerkraftbedingte innere Blutung zur Panzerröte kommen. Jedenfalls sollte man dann zu einem Spezialisten gehen und nicht zu einem Tierarzt, der sich nur mit Säugetieren auskennt, denn wenn ein eh schon geschwächtes Tier gegen die Sepsis Antibiotika bekäme, stirbt es in der Regel sofort. Zum Glück zeigte der Bauchpanzer unserer Landschildkröte überhaupt keine Anzeichen einer Verfärbung – wir waren sehr erleichtert! Schnell wurde „Kröt“ (so heißt er nun bei uns, nachdem er bei meiner Schwägerin und meinem Bruder „Kalliope“ hieß, die beiden wussten anfangs noch nicht, dass er ein Männchen ist – aber „Kalliope“ war, obwohl in der griechischen Mythologie ein weiblicher Name, auch nicht so ganz verkehrt, denn die gleichnamige Hauptperson, kurz  „Cal“ genannt, im Roman „Middlesex“ von Jeffrey Eugenides, ist ein Hermaphrodit; somit ließen die Beiden die eindeutige Geschlechtszuordnung bei der Tiernamenswahl auf elegante Art noch offen) nach der Kontrolle wieder in sein Blätterlager ins Kühle gebettet, um weiter zu starren…

Des Weiteren bastelte ich heute dann auch wieder ein wenig am Innengehege für „Kröt“ weiter. Sägte Trennleisten für den Übergang der Holzausfachungen zu den Glasscheiben aus und verleimte diese mit den Holztafeln. Die sechs Glasscheiben bestellte ich dann auch noch eben bei einem Glaser im Internet, der mir die drei verschiedenen Formate in den nächsten Wochen (hoffentlich recht zügig!) millimetergenau aus Sicherheitsglas anfertigen wird…

Kies! Dauerte schon eine Weile, bis ich begriff, dass das wohl „Keith“ heißen sollte… „Kies, lassda mal datt Zeugs innem Regal drinne bleiben!“ „Kieslaster?“

10 Gedanken zu “von Kieslastern und Krötenkühlschränken

  1. Kies – genau – 😆 – herrlich, wie Du das beherrscht und deren Aussprache obendrein in Buchstaben fasst. 😉 Hab ich schon damals bei Dir bewundert, zu früheren myTB-Zeiten. Ich ahnte ja nicht, daß Du ein talentiertes Chamäleon bist mit Nebelwarner und Co. 😎 Weiterhin viel Erfolg und Spaß mit Euren Krötenmann. 🙂

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  2. Ich kenne mich mit Schildkröten nicht aus, wann und wie weckt man sie auf? Setzt man sie ab dem Erreichen einer bestimmten Außentemperatur einfach ins Freie? Ein Parfumkühlschrank ist in heißen Sommern sicher eine gute Idee. Ich persönlich würde allerdings einen Weinkühlschrank vorziehen 😀

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    • Zum direkt vom Kühlschrank nach draußen setzen ist es hierzulande zu kalt. Wir setzen sie dann ins Innengehege, wo auch eine extrem helle Leuchte und eine Wärmequelle hängen. Ganzjährig draußen kann die Schildkröte bleiben, wenn wir hier das beheizbare Häuschen draußen gebaut haben, dann kann das Tier vor allem selbstständig entscheiden, ob und wann es ihm draußen zu kalt ist. In wärmeren süddeutschen Gegenden (Weinbauklima) können die Tiere auch ohne beheiztes Häuschen, oder Frühbeet draußen bleiben, da reicht ein wettergeschützter Rückzug aus. Oft sind die Tiere dann dafür länger in der Winterstarre, damit sie zu kaltes Wetter quasi verschlafen. Wie lange die Winterstarre korrekterweise dauern sollte wird in der Literatur unterschiedlich gesehen, in der Natur sind die Winter schließlich auch unterschiedlich lang. Vertretbar scheinen mir zwei bis vier Monate zu sein.

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  3. Schöner erster Satz, man denkt jetzt kommt ein Krimi. Naja, und dann Deine Verkleidung für den Gang ins Kaufhaus, wo sich viel Gesindel rumtreibt. Hast Dir den Kragen hochgeschlagen und den Hut tief ins Gesicht gezogen à la Humphrey Bogart. Hauptsache Du hast den Fenchel für Dich entdeckt. Is eins meiner Lieblingsgemüse, zusammen mit Chicorée. Fenchel und Blumenkohl mag ich auch gerne roh. Und Fencheltee hilft manchmal zum Einschlafen. Manchmal. Schönes Wochenende, Philip Marlowe!

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  4. Ich hab stellenweise laut lachen müssen bei deiner Kauflandschilderung. Ich habe mir vorgenommen, zukünftig auch einmal mehr die Augen beim Einkauf offen zu halten. Was ich ja gleich schon direkt in die Tat umsetzten kann. Muss jetzt nur noch die geeignete Jacke finden….😜

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  5. „Eine zwei Kubikmeter-Mama in Zelt und Leggins schob ihren fast bis zum Rand mit eingeschweißten Suppenhühnern und sonstigem Billiggeflügel, sowie haufenweise No-name-Toastbroten und Billig-Bonbon-XXL-Packungen befüllten Einkaufswagen vor sich her.“

    Applaus, Applaus, Applaus – ich habe sehr lachen müssen bei dieser Schilderung!

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