Haus der Stille – „kaum noch Vögel sind schon da, keine Vögel, keine“

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In letzter Zeit ist es draußen um Haus „Zweieichen“ herum oftmals sehr still – kein Vogelgesang ist mehr zu vernehmen. Das war vor wenigen Jahren noch weitgehend anders. Die Vögel verschwinden. Erst gingen die Insekten, dann folgten – der Nahrungskette entsprechend – die Vögel…

Ich möchte meinen Lesern eine Frage stellen: Erinnert Ihr Euch noch, wie das früher nach längeren Autobahnfahrten im Sommer war? Man musste doch alle paar Stunden anhalten, um an einer Autobahntankstelle mit Schwamm und Wasser die ganzen zerplatzten Insekten zu entfernen, deren Reste nach einer gewissen Fahrtdauer die Windschutzscheibe zupflasterten, oder nicht? Wenn ich in den Nullerjahren zwischen „Shangri-La“ und Berlin unterwegs war, musste ich spätestens irgendwo in Brandenburg anhalten, um für freie Sicht zu sorgen. Eine ähnlich lange Strecke (um die 450 km) legte ich in den letzten Jahren öfters zurück, wenn ich mit Philomena zu deren Eltern, bzw. später nur noch zu ihrer Mutter, nach Süddeutschland reiste – dann waren jedoch meistens nur noch zwei oder drei größere Kleckse auf der Frontscheibe entstanden. Folglich muss es in nur wenigen Jahren einen unglaublichen Rückgang der sommerlichen Fluginsektenpopulation gegeben haben! Offizielle Schätzungen liegen bei einem Rückgang um die 70 % – in Naturschutzgebieten! Weil dort nachgezählt wird. Anderenorts, also in der „normalen“ Agrarlandschaft außerhalb von Naturschutzzonen, muss der Rückgang meinen eigenen Beobachtungen nach eher bei über 90 % liegen!

In den letzten Jahren gab es zwar immer weniger landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland – dafür wurden die verbliebenen Betriebe aber stetig größer und setzten immer stärker auf eine intensive, industrielle Bewirtschaftungsweise. Die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche hat sogar noch zugenommen, seitdem immer mehr Futterpflanzen angebaut werden und darüber hinaus auch noch Pflanzen zur Biosprit-Gewinnung! Dabei ist der Mehrwert, der durch die Markteinführung von „E10“ entstanden ist, ein schlechter Witz! Dank immer stärkerer Motoren und einer wachsenden Fahrzeugflotte bringt E10 unter Umweltschutzgesichtspunkten keinen wirklichen Vorteil – sondern durch die Intensivierung des Anbaus eher gewaltige Nachteile für die Natur. Um den ausgelaugten Böden immer mehr Biomasse abzuringen, werden diese mit immer aggressiveren Düngern traktiert (außerdem wird auf den Flächen dabei gleich praktischerweise die gewaltige Güllemenge aus der stark wachsenden Schweinemast entsorgt – Deutschlands ärmer werdende Bevölkerung lechzt nach billigem Schweinefleisch vom Discounter) und die eingesetzten Herbizid- und Pestizidmengen steigen auch immer weiter an. Unkraut wird alle paar Wochen mit „Glyphosat“ weggespritzt. Die letzte Welle kommt dann unmittelbar vor der Ernte aufs Feld, damit das Getreide leichter abgeht.

Unerwünschten Insekten rückt man zunehmend mit den sogenannten „Neonikotinoiden“ zu Leibe. Das sind bekanntlich auch absolute Bienenkiller!

Als wir hier in Haus „Zweieichen“ so peu à peu ab etwa 2013 unser Gärtchen anlegten, gab es noch recht viele Bienen. Neben Honigbienen auch etliche Arten von Wild- und Holzbienen. Inzwischen verirren sich diese Nutzinsekten kaum noch auf unser Grundstück. Schmetterlinge sind auch selten geworden. Viele Arten kommen inzwischen gar nicht mehr, die wir hier vor kurzem nach beobachten konnten. Wir haben hier etliche Sommerfliederbüsche gepflanzt. Dieses Gehölz nennt man auch „Schmetterlingsstrauch“, weil es eigentlich der reinste Magnet für die bunten Flatterwesen ist. Ich erinnere mich an den Garten meiner Eltern, wo man vor gut einem Jahrzehnt noch mehrere Dutzend Schmetterlinge gleichzeitig an nur einem Sommerflieder zählen konnte – letzten Sommer in „Zweieichen“ kam es hingegen vor, dass auch an sonnigen Tagen nur alle paar Stunden überhaupt noch einer an den Blüten auftauchte… Hier spritzen sie auf den umliegenden Feldern wie die Bekloppten! Oft kommen die Traktoren erst am späten Abend und spritzen bei Dunkelheit im Scheinwerferlicht. Vielleicht hofft man, dass es dann nicht so viele Leute mitbekommen, weil die dann vor der Glotze sitzen und nicht mehr draußen unterwegs sind. Ich musste manches Mal abends reingehen, um nicht im „Dunst“ zu stehen, der dann bis in den Garten zog. Schnell die gekippten Fenster zu!

Mit den Insekten verschwinden auch die Vögel. Jedes Jahr wurden es hier weniger. Im Winter 2013/14 kamen oft an die zwei Dutzend Meisen gleichzeitig ans Futterhäuschen und an die aufgehängten Meisenknödel. Kohl-, Blau-, Weiden- und Schwanzmeisen. Dazu eine alle paar Stunden einfallende Schar von Sperlingen – manchmal waren das an die 40 Spatzen gleichzeitig! Jetzt, im Winter 2017/18 kommen höchstens noch 10 Sperlinge gleichzeitig – und seltener. Meisen kommen kaum noch. Im Sommer ernähren sich die Meisen von Insekten – die sie nicht mehr finden, in der sterilen Agrarwüste von „Niedergüllestunk“. Schwanz- und Weidenmeisen sehen wir gar nicht mehr. Allenfalls noch ein paar Kohl- und ganz selten einzelne Blaumeisen. Vor vier Jahren konnte ich im Winter die Meisenknödel (diese extradicken 500g-Riesenknödel!) kaum so schnell nachhängen, wie sie aufgefressen waren – da wurde man durchs winterliche Vögelfüttern fast arm: Alle paar Wochen bestellte ich riesige Knödel-Pakete bei einem günstigen Internetanbieter auf Ebay nach… Diesen Winter hängt die letzte Riesenknödel-Garnitur schon fast drei Wochen draußen und ist erst zu einem Drittel weggepickt!

In nur sehr wenigen Jahren ging hier bei uns vor allem der Meisenbestand (übrigens: das Header-Foto oben ist von 2015) kontinuierlich zurück. Zwischenzeitlich gab es dafür dann erheblich mehr Amseln – vielleicht weil diese die frei werdende ökologische Nische der Meisen vorübergehend besetzen konnten. Vor zweieinhalb Jahren wimmelte es im Sommer plötzlich vor Amseln. Doch dieses Phänomen war nur von kurzer Dauer – letzten Sommer gab es auch kaum noch Amseln in unserem Garten. Einige Vogelarten, die Philomena und ich hier noch anno 2014, oder 2015 sichten konnten, gibt es inzwischen gar nicht mehr: Bachstelzen und Kleiber fehlen komplett. Seit einigen Wochen kommt auch kein Specht mehr. Vermutlich ist der Vogelrückgang bei uns auf dem Land besonders schlimm. Ich denke, dass es in den städtischen Parks und den ausgedehnten Gartenzonen der Vororte noch erheblich mehr Vögel geben dürfte, weil dort weniger mit Giften herumgequast wird. Die Insektizide machen hier in der Intensivlandwirtschaftswüste alles platt…

Überhaupt ist es eine Schande, wie die Menschheit in ihrer grenzenlosen Gier nach immer mehr Konsumgütern den ganzen Planeten verwüstet! Alle müssen und wollen fressen, bis sie platzen! Erstmals gibt es auf dem Planeten mehr Fettsüchtige, als Unterernährte. Der Durchschnittsdeutsche schmeißt alle 18 Monate seinen Fernseher auf den Müll und fast schon jährlich sein Smartphone – den kleinen Hirnzersetzer, der jedem aus den (A-)sozialen Netzwerken, Fashion-Blogs und Influencer-Channels heraus einflüstert, was er höchstgefälligst zu konsumieren hat, damit er nicht ins gesellschaftliche Hintertreffen gerät! Die deutsche Durchschnittsfrau hängt sich pro Jahr 50 bis 60 neue Teile Oberbekleidung in den Schrank (Schuhe, Strümpfe und Unterwäsche sind in dieser Summe natürlich nicht enthalten) – das meiste davon wird sie gar nicht tragen, sondern nach einigen Jahren wegwerfen… Ein Millionenheer an ausgelaugten Sklaven, oftmals schon Kinder, ruiniert sich in Drittweltländern die Gesundheit und krepiert mit zerfressenen Lungen und schwärenden Wunden spätestens mit Mitte Dreißig, damit sich Herr und Frau Mustermann die fetten Wänste in immer neue Billig-Fummel hüllen können und jedes Jahr nach der Weihnachtsbescherung einen Berg von Elektroschrott aussortieren. Irgendwelche halbverhungerten Zombies schuften dafür im Chemiesumpf von Gerbereien und Färbereien, zusammengepfercht in 16-Stunden-Schichten 7 Tage die Woche unter der Knute strenger Aufseher in baufälligen, dunklen und schlecht belüfteten Nähfabriken, oder im beißenden Mineralienstaub der Minen, aus denen die letzten Rohstoffe geklaubt werden.

Die Erde bekommt durch die überdreht ausbeutende, abfackelnde, konsumierende und verschwendende Gesellschaft Fieber – die globale Temperatur steigt signifikant an. Auch das können wir hier vom eigenen Grundstück aus beobachten. Es häufen sich eindeutig die Wetteranomalien! Diesen Winter gab es hier bei uns nur einen Tag, an dem Schnee liegen blieb. Insgesamt war es ungewöhnlich warm. Draußen haben wir nun im Januar Temperaturen, die eher erst im März üblich sind. Dafür regnet es dauernd und ist schweinedunkel. Vielleicht bewirkt die globale Erderwärmung nicht allerorts deutliche Temperaturanstiege – aber durch die verstärkte Verdunstung offensichtlich deutliche Bewölkungszunahme! Dieser Winter gilt laut aktuellen wissenschaftlichen Beobachtungen als einer der düstersten überhaupt in Mitteleuropa. Den letzten Winter mit noch weniger Sonnenscheinstunden gab es irgendwann Mitte der Dreißigerjahre.

Auch der letzte Sommer war hier in „Niedergüllestunk“ katastrophal: Kaum Sonnenschein, dafür immerzu Regen oder zumindest durchgehende Bewölkung. Unsere Sonnenliege holten wir gar nicht erst aus dem Gartenhäuschen. Wie Ihr wisst, verbrachte ich den letzten Sommerurlaub auf den Lofoten. Dort, nördlich des Polarkreises, war es oftmals wärmer und sonniger, als zur gleichen Zeit bei Philomena in Haus „Zweieichen“.

Das Klima gerät aus den Fugen. Die Gletscher schmelzen in den Gebirgen und in den hohen Breiten wie im Zeitraffer. Auch diesen Aspekt konnte ich eigenen Auges studieren – zwar nicht bequem vom Gartenzaun aus in „Niedergüllestunk“, aber auf meiner Sommerreise: Ich machte in Norwegen ein Foto des Gletschers „Briksdalsbreen“. Als Mitch, Oliver und ich nach einer kurzen Wanderung den Gletscher erreichten, packte mich schier das Entsetzen! Nun, das ist vielleicht leicht übertrieben, aber zumindest eine große Traurigkeit, denn ich kannte den Briksdalsbreen schon von zwei vorhergegangenen Besuchen. Das letzte Mal vor der 2017-Exkursion hatte ich die Gletscherzunge im Sommer 2004 fotografiert. Und zwar unter ähnlichen Beleuchtungs- und Wetterverhältnissen offenbar auch annähernd zur gleichen Tageszeit und vor allem fast exakt vom gleichen Standpunkt aus. Das Ergebnis war erschütternd. Hier seht Ihr, was nur 13 Jahre Unterschied ausmachen können:

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Um sich die Größenverhältnisse der Gletscherzunge klar zu machen, müsst Ihr ganz genau ungefähr in der Bildmitte, oder links davon näher am Bildrand auf dem 2004er-Foto hinschauen: Da sieht man nämlich jeweils eine Kette von nur wenige Pixel großen, stäbchenförmigen schwarzen Punkten – das sind Gruppen von Gletscherwanderern. Auf dem 2017er-Bild hingegen, da gibt es nicht mehr viel zu bewandern!

4 Gedanken zu “Haus der Stille – „kaum noch Vögel sind schon da, keine Vögel, keine“

  1. Die Entwicklung ist wirklich besorgniserregend. Das Schmelzen der Gletscher ist ja schon seit vielen Jahren bekannt. Ich habe auf dem Balkon eine Fette Henne, die mit ihren Blüten auch immer sehr viele Insekten, hauptsächlich Bienen und Hummeln, anzieht. Letzten Sommer habe ich aber leider auch viel weniger Getiers festgestellt. Spatzen sind hier schon lange fast ausgestorben. Als Kind sah ich sie noch in großen Gruppen auf der Straße. Insgesamt gibt es hier in der Stadt allerdings immer mehr Elstern und Raben. Außerdem vermehren sich die wilden Sittiche immer weiter, was auch nicht gut ist, denn sie nehmen den einheimischen Vögeln ihre Bruthöhlen weg.

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  2. Ach ja, leider vollkommen richtig. 😦 Aufhalten lässt sich das bekanntermaßen nimmer, nur verlangsamen, entschleunigen – das wär’s doch immerhin. Früher konnt ich hierzu mehr beitragen, als jetzt, obwohl, es gleicht sich aus. Vögel – sollten momentan eh noch nicht singen, dieser Tage klang das allerdings doch schon ziemlich frühlingshaft. Deutlich ruhiger ist’s um sie geworden – da hast recht. Zum Heulen …. 😥 Sehr engagierter Eintrag, wär wie geschaffen für ein größeres Publikum als hier. 💡

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