von Schnitten und Brüchen

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Mir war heute (bzw. gestern – ich schreibe wieder tief in der Nacht) nach dem Aufstehen kalt. Ich wollte schnell unter die Dusche. Zog die Kabinentür dummerweise zu, bevor ich ganz drinnen war – geriet deshalb mit der Ferse unter die Ecke der Tür: Kombinierte Schürf- und Schnittwunde. Begann erst nach einer Weile unter der Dusche zu bluten. Rosa Wasser in der Duschtasse… Völlig unnötig und ärgerlich! Ich bin nun deswegen etwas weniger gut zu Fuß und einige Halbschuhe sind unbequem zu tragen, deren oberer Rand genau auf Wundhöhe ist. Welcher hirnverbrannte Designer hat sich bloß solch eine scharfkantige Türeckenkonstruktion ausgedacht? Zwar nicht so scharf, wie ein Schälmesser, aber immerhin fast wie das Messer eines Essbesteckes. Die Duschkabine war hier im Haus „Zweieichen“ bereits vor meinem Einzug eingebaut. In etlichen anderen Wohnungen zuvor gab es nur Duschvorhänge, so dass ich teils Duschkabinen nachgerüstet habe (ich hasse es, wenn sich beim Brausen nasse Plastikvorhänge nähern und an mich haften!). Ich hatte in diesen Fällen aber niemals eine solchermaßen idiotisch konstruierte Kabine ausgewählt und einbauen lassen!

Zum Glück war es nicht wirklich schlimm – ich hatte schon ganz andere Schnittwunden – auch an der Hacke: Bin als Kind einmal im Schwimmbad mit einem schnellen Abstoßsprung gleich von der ins Becken führenden Metalltreppe gestartet und dabei mit der Hacke unter die nach hinten umgebogene Blechstufe geraten, die sehr scharfkantig war. Zunächst tat das im Wasser gar nicht so weh, aber irgendwann sah ich eine Blutspur hinter mir. Aus dem Becken wieder raus, konnte ich dann das Spiel meiner freigelegten Sehnen beim Bewegen betrachten! Ich stand damals offenbar unter Schock, denn ich bin damit noch gut einen Kilometer weit nach Hause gelaufen – der Schmerz kam erst später. Etliche Jahrzehnte später konnte ich mir noch ein weiteres Mal meine eigenen Knochen in situ anschauen – es war schon hier in Haus „Zweieichen“, als ich einen Nadelbaum für den Vorgarten aus dem Auto tragen wollte, den sie mir in der Baumschule in unndurchsichtige Plastikfolie eingeschlagen hatten. So konnte ich den etwa 40 Zentimeter dicken Ballen unter der Folie nicht erkennen – vor allem nicht, dass dieser in einem Drahtgeflecht mit einigen hervorstehenden spitzen Enden steckte (ich vermutete hingegen, er wäre lediglich in ein Tuch eingeschlagen). Einer der scharfkantigen, dreckigen Drähte riss mir – auch durch das hohe Gewicht des Baumes beim Ausladen bedingt – durch die Folie hindurch stechend das Mittelfingerendglied der rechten Hand bis auf den blanken Knochen auf…

Insgesamt besaß ich bezüglich solcher Verletzungen und Verwundungen in meinem Leben aber sehr viel Glück – so hatte ich bislang glücklicherweise keine Arm- oder Beinbrüche. Auch nicht in der Kindheit oder Jugend. Andere Kinder brachen sich hingegen permanent irgendetwas. Bei einigen Fahrradstürzen aus hohem Tempo rollte ich mich glücklicherweise gut ab, oder verfehlte knapp irgendwelche feststehenden Hindernisse… Wenn ich mir in meinem Leben überhaupt irgendetwas brach, dann waren das grundsätzlich immer nur Zehen oder Rippen. Einmal schlug mir eine schwere Holzskulptur beim Transport durch ein Treppenhaus auf den Fuß, als mein vorausgehender „Mitträger“ ohne mich zu informieren plötzlich das Tempo erhöhte. Ein anderes Mal war es das Mittelteil einer indischen Sandsteinsäule, die am Elternhaus meiner Ex-Verlobten Giulia als Gartendekoration dienen sollte. Als ich das schwere rosafarbene Naturstein-Trumm am Kapitell anhob, erkannte ich viel zu spät, das es demontierbar dreiteilig konstruiert war: Die Säulenbasis blieb gleich am Boden stehen, aber der Schaft steckte noch kurz am Kapitell fest und plumpste mir dann aus gewisser Höhe auf den großen Zeh, welcher leider nicht vorschriftsgemäß in Stahlkappenschuhen, die man bei solchen Tätigkeiten besser tragen sollte (später besorgte ich mir dann auch ein Paar) steckte, sondern in dünnledrigen, handgenähten Italo-Sommerlatschen, in denen er in den Folgestunden auf Kartoffelgröße anschwoll. Da ich keinen Bock auf einen längeren Invalidenaufenthalt bei Giulias Eltern hatte (ihr damals frisch pensionierter Vater war ein absolut garstiger, cholerischer Patriarch, der sich seinen unerträglichen Kolonialherren-Kommandoton als Topmanager sehr alter Schule gegenüber Mitarbeitern, Untergebenen, Lakaien und der Hausangestelltenschar auf diversen langjährigen Auslandsstationen angewöhnt hatte), beschloss ich den Schuh gar nicht erst auszuziehen, sondern umgehend die mehrstündige Heimfahrt anzutreten – ob der Schmerzen wohl wissend, dass der Fuß sonst nicht mehr in den Schuh passen würde und mir somit die Rückfahrt in die heimatliche Umgebung, wo ich mich lieber auskurieren wollte, nicht mehr möglich wäre… Außer zweimal Zehen, brach ich mir insgesamt etwa drei oder viermal Rippen. Eine recht schmerzhafte Angelegenheit, bei der man aber auch nichts eingipsen konnte – ähnlich wie bei den Zehen, musste das stets von alleine ausheilen. Das letzte Mal habe ich mir eine Rippe erst vor einigen Wochen angeknackst – beim Heben schwerer Sachen piesackt mich das jetzt immer noch ein bisschen. Die anderen drei Male war es aber gravierender, die Rippen nicht nur angeknackst, sondern richtig gebrochen. Einmal stürzte ich beispielsweise in meiner Berliner Altbauwohnung mit dem Brustkorb auf einen am Boden liegenden Porzellanbecher: Ich war beim Telefonieren mit einem Kaffee herumlaufend über den Kater gestolpert und machte mir um das aufjaulende Tier schon während meines Fallens so viele Sorgen, dass ich mich beim Bodenaufprall abzustützen vergaß, außerdem beobachtete ich zeitgleich den Kaffee, wie dieser in Zeitlupe den Becher (auf dem ich dann final landen sollte) verlassend, gegen meine gerade erst frisch tapezierte Wand spritzte…

Insgesamt hatte ich aber nicht allzu viele ernstere Verletzungen in meinem Leben, eher wenig Schnittwunden, kaum Verbrennungen, nur einmal einen Gelenkkapselriss – dafür aber als Kind oft blaue Flecken, weil ich damals jahrelang der Klassenprügelknabe war. Als intellektueller Außenseiter, der keine Lust auf die altersüblichen Kindereien hatte, bekam ich mehrmals wöchentlich eins auf die Fresse…

Zurück zur Dusch-Malaise: Als ich heute mit Philomena einen kurzen Umgebungsstreifzug machte – für ein gutes Stündchen hatte es ausnahmsweise einmal zu regnen aufgehört – merkte ich die unschön zwickende Ferse schon ein wenig. Ich hatte zwar Stiefel angezogen, damit es keinen drückenden oberen Schuhrand gibt, aber ich machte notgedrungen etwas kleinere Schritte als sonst. Normalerweise haste ich immer im forcierten Stechschritt durch die Gegend – schon mein alter Freund Viktor (langjährigen my-Tagebuch-Lesern wird der dekadent-überdrehte Jungspund aus dem Hochadel – irgendwo im hohen dreistelligen Bereich taucht der sogar in der englischen Thronfolge auf – noch ein Begriff sein) hatte vor Ewigkeiten immer bemängelt, dass ich mir das „Flanieren“ noch nachdrücklich angewöhnen müsse… Auf dem Spaziergang sahen wir, dass Sturmtief Friederike doch etwas heftiger in der nahen Umgebung gewütet hatte, als zunächst von uns angenommen: Am benachbarten Bauernhof wurden mit einem mobilen Kran Dachpfannenpakete in die Höhe gezogen, am Wegrand lagen diverse sägefrische Holzstapel und eine kleine freistehende Baumgruppe nahe eines heute als Wellness-Oase dienenden Gutshauses war sogar komplett abgeholzt worden. Einige Bäume hatten offenbar auch die Umzäunung jenes Hotelgeländes durchschlagen, die an mehreren Stellen mit Folie temporär geflickt worden war. Leider hatte es auch einen besonders schön bizarr gewachsenen alten Baum erwischt, der am Ufer eines kleinen Sees stand und uns schon auf vorhergehenden Spaziergängen aufgefallen war.

9 Gedanken zu “von Schnitten und Brüchen

  1. Ich hasse Duschvorhänge auch. Geht gar nicht.

    Ich bin auch mal über meine Katze gefallen und hab mir dabei einen Bänderriss zugezogen. Damals war Eingipsen noch das Mittel der Wahl und jeder fragte mich, ob ich beim Skifahren war. „Nein, ich bin über meine Katze gestolpert …“

    Den letzten Bänderriss hatte ich vorletztes Jahr, als ich in eine marode Holzstiege vor einem Trampolin eingebrochen bin. Auch sehr rühmlich. Immerhin war die Schiene wesentlich angenehmer zu tragen als der Gips.

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  2. Kätzerin hat dich mit dem Wort Malaise influenced. 😀 Irgendwo gibt es ein Lexikon oder eine Sammlung von Worten und Formulierungen, die vom Aussterben bedroht sind. Die „Malaise“ ist gerettet. Man sollte viel öfter solche schönen Begriffe aus der Versenkung holen. Ich benutzte neulich das Wort „Stuss“. Meine Kollegin meinte, das hätte sie ewig nicht gehört.

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