Soziologische Feldstudien eines Eremiten im Feindesland – Supermarkteinkäufe

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Mein alter Freund Mitch fährt hauptberuflich die in einem eleganten Rotton lackierten Hochgeschwindigkeitszüge einer privaten Bahngesellschaft auf den deutschen Teilabschnitten intereuropäischer Magistralen. Doch ab und an muss der Lokführer auch wieder zurück in die Niederungen des Nahverkehrs und darf dann als Regionalbahn-Steuermann einspringen. Neulich hat mir Mitch erzählt, dass es dabei auf nahezu jeder Nachtschicht, während der er oder einer seiner mit ihm in Kontakt stehenden Kollegen solch eine Bimmelbahn durchs Rhein- & Ruhrgebiet fahren müssen, zu Unregelmäßigkeiten und Zwischenfällen käme, die außerplanmäßig längere Halte erfordern – meistens muss dann die Bahnpolizei angefordert werden: Oft wird randaliert, oder das Zugpersonal schikaniert oder bedroht. Laut Mitch kommt es auch mehrmals wöchentlich vor, dass ein Krankenwagen gerufen werden muss, weil es in den Wagen zu Schlägereien oder gar Messerstechereien gekommen ist! Außerdem heult sich manchmal bei Mitch auch das Reinigungspersonal aus, das nach den Fahrten die Wagons säubern muss – nach einer Reise durchs nächtliche, nordrhein-westfälische Ballungsgebiet müssen die armen Schweine, die dieser Tätigkeit nachgehen, regelmäßig Kotzpfützen und Bierlachen aufwischen und recht häufig sogar Blut- oder Spermaflecke aus den Polstern ausreiben…

Pöbeleien, Messerattacken, stinkende Hinterlassenschaften – unglaublich, was das Reisen mit halbwegs kostengünstigen öffentlichen Verkehrsmitteln heutzutage für einen bunten Strauß an kleinen Freuden für die Reisenden bereitzuhalten scheint (zumindest im nächtlichen NRW, im beschaulichen Oberbayern mag’s freilich noch anders ausschauen)! Ich bin da wirklich heilfroh und dankbar, dass ich mir so etwas als passionierter Autofahrer nahezu vollständig ersparen kann… Eine Bekannte von Philomenas Mutter hat sich übrigens neulich auf einer Zugfahrt sogar die echte Krätze eingefangen! Was fahren da bloß für Passagiere mit der Bahn? Man kann wirklich erfreut sein, wenn man solcherlei menschenmüllversiffte Bakterien- und Ungeziefer-Brutstätten nicht alltäglich benutzen muss, um von A nach B zu gelangen…

Überhaupt bringt es meine privilegiert-zurückgezogene Lebensweise mit sich, dass man erfreulich selten in raum-zeitlicher Kongruenz mit dem Plebs konfrontiert ist! Ich meide Volksfeste und Großveranstaltungen, selbst bei einem Zoobesuch oder auf dem Weihnachtsmarkt sieht man noch genügend widerwärtiges Volk, dass einem der Appetit vergehen möchte… Aber es gibt zumindest eine Art von Tätigkeit, bei der auch ich wieder und wieder unvermeidbar mit „Homo sapiens vulgaris“ konfrontiert werde: Alltagseinkäufe! Einkäufe zur Grundversorgung zu erledigen, gehört hier im Haus „Zweieichen“ weitgehend zu meinem Aufgabenfeld. So rücke ich dann gleich mehrmals pro Woche zu „soziologischen Feldstudien“ aus – denn genau das sind solche Beutezüge für mich oftmals: Im Schutze eines Einkaufswagens als imaginärem Rammbock, fühle ich mich oft als eine Art Feldforscher, der die Mitglieder einer äußerst bizarren Spezies studieren kann. Manchmal sind diese Studien recht komisch und unterhaltsam, wenn sich dort zwischen den Regalreihen absolute Karikaturen bewegen; kugelrunde Schnaufkartoffeln mit clownesk bunten Haarsträhnen, goldig quengelnde Kinder, die im Kassenbereich einen bodenwischenden Breakdance mit fortspritzenden Plärrtränen auf den Bodenfliesen aufführen, weil ihnen die Kinderüberraschung von ökostreng gesundheitsverhärmten Matcha-Latte-Müttern verweigert wird, verpeilte Drogis in schlotternden Polyester-Trainingshosen, die sich – erst kurz vor Ladenschluss aus dem Delirium erwacht – in ihrer Panik vor Ladenschluss nicht mehr rechtzeitig Drehtabak und Billigwodka aufspüren zu können, hoffnungslos zwischen den Regalreihen verirren. Ein dumpf-buntes Panoptikum menschlichen Irrsinns wird einem dort in der Regel geboten!

Manchmal sind solcherlei Expeditionen aber auch nicht ganz ungefährlich – etwa wenn man zu vorgerückter Abendstunde den großen „real“-Markt in der nördlichen Asi-Viertel-Peripherie von „Graustadt“ aufsucht, oder das „Kaufland“ von „Klein-Arabien“, das fatalerweise eine der fahrtechnisch von „Niedergüllestunk“ aus am schnellsten zu erreichenden Einkaufsmöglichkeiten darstellt. Ansonsten würde man sich dort auch nicht freiwillig aufhalten… Erst vor kurzem schob ich gegen dreiviertelzehn Uhr abends in jenem Kaufland – einer im Unterschied zur eher gepflegten, auf ein Großeinkaufs-Familienpublikum abzielenden Kaufland-Filiale auf der grünen Wiese vor den Toren „Cementums“ (die ich aber eher selten ansteuere, weil ich dabei die stets staugefahrenträchtige Autobahn benutzen muss), immer etwas angeschmuddelt wirkenden, labyrinthischen Warenwelt für den Billigkalorien-Einkauf der lokal ansässigen Bildungsferne – meinen Einkaufswagen auf der Suche nach Kartoffelbrot und Tiefkühl-Samosas durch die Regalreihen, als mir plötzlich ein Vater mit seinen herumtollenden Söhnen im Grundschulalter im Weg stand, der selbst eher pulloverbieder bekleidet, mit einem halstätowierten (arabische Suren-Kalligraphie) Schlägertypen ins Gespräch vertieft war. Als ich geduldig, aber vergeblich einen langen Moment gewartet hatte, ob der Alte seine rangelnde Brut zur Seite beordern würde, um mich die Engstelle passieren zu lassen, bat ich ihn schließlich höflich darum – nur sehr widerwillig kam er meiner Bitte nach und nahm zwei seiner Söhne zur Seite, der Halstätowierte blickte dazu grimmig, weil im Gespräch unterbrochen. Schnell sah ich, dass das Kartoffelbrot in der nächsten Regalreihe lagerte, aber ich befand mich nun in einer Sackgasse, denn offenbar war gerade die Revision im Gange und der hintere Ausgang des Warencanyons durch einen riesigen temporär dort platzierten Kistenstapel blockiert. Also gleich wieder auf dem Absatz kehrt und retour zur orientalischen Smalltalk-Engstelle – dieses Mal machte keines der raufenden Kinder Platz für meinen Wagen und der Vater reagierte nicht mehr auf meine Bitte um eine Passage. Schließlich bahnte ich mir vorsichtig den Weg durch die Kinderschar, als eines der lärmenden Bälger beschloss, spontan gegen meinen langsam rollenden Einkaufswagen zu laufen. Nun rastete der etwa 50-jährige Vater für mich völlig unerwartet vollkommen aus und brüllte mich mit schwellenden Halsschlagadern an: „Was fährst du mein Sohn an, Kafir! Was hast du mein Sohn anzufahren, scheiß Deutscher? Willst du Schläge, Kāfir?“ Der etwa zwanzig Jahre jüngere, halstätowierte Schlägertyp in Muscle-Shirt und Militärhose beschimpfte mich zwar nicht als „Ungläubigen“ (Kāfir), dafür drohte er mir aber mit den Fäusten und schickte mir einen angedeuteten Fußtritt hinterher! Ich sah zu, dass ich Land gewann und dehnte meinen Einkauf dann lieber noch etwas aus, als ich die Mischpoke an den Kassen wieder traf. Schließlich wollte ich ihnen nicht noch auf dem dunklen Parkplatz begegnen, denn Überwachungskameras gab es vermutlich nur im Geschäft…

Manchmal schon unfassbar, was für Orks dort draußen überall unterwegs sind! Deshalb kaufe ich in der Regel lieber in einer anderen Gegend ein, einem im Osten von „Graustadt“ gelegenem Vorort, der überwiegend von Neubau-Familienhaussiedlungen gebildet wird. Hier ballen sich um einen zentralen Großparkplatz gleich vier Supermarktfilialen, etliche Fachgeschäfte, ein Drogeriemarkt, eine Apotheke und die Filiale meiner favorisierten Hausbank. Im Prinzip ist das dort eine eigenständige kleine Stadtmitte. Dort fahre ich meistens zum Einkaufen hin, obwohl die allernächste Einkaufsmöglichkeit hier im Dorf „Obergüllestunk“ selbst rund 6 km näher gelegen ist – aber im Dorfsupermarkt gibt es ein für unseren Geschmack unzureichend sortiertes Sortiment, dass sich eindeutig an die eher grobgestrickte Landbevölkerung richtet: Ein zwar reichhaltiges Angebot an Biersorten, Backzutaten und Dosenkost, aber kaum Bioprodukte, Feinkost und internationale Spezialitäten… Wenn man einmal vom von einer hinkenden und schielenden Bedienung zubereiteten 2-€-Döner absieht, den man dort seit kurzem auch bekommen kann.

Was lobe ich mir da – ein bisschen traurig-verklärt zurückblickend – meine goldenen Zeiten in „Shangri-La“! In der etwas versnobten Großstadt, in der ich rund 17 Jahre meines Lebens verbrachte, gab es ein wahres Edel-Supermärkte-Eldorado! Mit eigenen Abteilungen für indische oder französische Feinkost. Oft war ich dort in einem der größten Supermärkte Deutschlands einkaufen, in dem ich mich aus einer sechsstelliges Anzahl verschiedener Waren bedienen konnte! Fangfrischer Seeteufel? Kein Problem! Root Beer, fünf verschiedene Sorten Lemon Curd, tasmanischer Bergpfeffer, oder echte Perigord-Trüffel? Kein Problem! Ob korsischer Likör, oder seltene schottische Single Malt-Spezialabfüllungen, Cornish Pastys oder besondere Knabbereien aus Bengalen – hier konnte ich damals auf der Fläche eines Flughafenterminals fast alles finden, was das Gourmet-Herz begehrte… Aber für einen simplen Lebensmitteleinkauf fahre ich heutzutage nicht extra stundenlang von „Niedergüllestunk“ aus dorthin – abgesehen davon kann ich mir auch umfangreiche Beutezüge durch solche bis zum Bersten mit kulinarischen Verlockungen bestückten Hochpreis-Shoppinglandschaften schon seit etlichen Jahren gar nicht mehr leisten…

Zum Glück herrscht hier bei uns im Exil aber auch nicht völlige Fressalieneinkaufs-Wüste: Sehr angetan sind Philomena und ich von einem nahegelegenem Bio-Hofladen mit einer kleinen, aber äußerst feinen Auswahl wirklich guter Biolebensmittel. Wenn es dort nicht so sündteuer wäre, würden wir dort vermutlich einen Großteil unserer Lebensmitteleinkäufe tätigen – so sind wir dann aber nur etwa zweimal im Monat dort und kaufen immer etwas Gemüse, Dinkelbrot oder Bio-Fleisch ein, das von glücklichen, robusten Rinderrassen stammt, die hier tatsächlich in der nahen Umgebung ganzjährig auf der Weide stehen. Ein superleckeres Bärlauch-Pesto gehört stets auch als Pflichtkauf in die Kofferraumkiste, wenn wir jenen mitten im Wald gelegenen Bioladen aufsuchen.

Die mir schon aus alten myTagebuch-Tagen vertraute Bloggerin „Fundsachen“ schrieb mir übrigens zu meinem Eintrag „Früher war mehr Lametta…“ vom 21. Januar den gewogenen Kommentar „Ich lese auch mit Vergnügen, was du übers Einkaufen berichtest, denn auch so etwas kannst du sehr unterhaltsam formulieren.“ Ich hoffe, dem war mit diesem Eintrag einigermaßen so… Zumindest halbwegs. Aber ich denke ohnehin, dass das Sujet „Supermarkteinkauf“ noch öfters bei meinen „Daily News from Absurdistan“ aufs Tapet kommen wird, denn schließlich gehören diese Exkursionen aus der sicheren Eremitenhütte heraus ins Feindesland der grässlichen Gewöhnlichkeit zur mehrmals wöchentlich anfallenden Routine. Meistens bin ich dabei alleine unterwegs. Philomena kommt eigentlich nur dann gerne mit, wenn es in den Hofladen im Wald geht. Mindestens einmal pro Woche chauffiere ich jedoch regelmäßig meine Mutter in „Graustadt“ zum Einkaufen. Meine dort wohnenden Eltern sind schon recht alt und fahren deshalb nur noch ungerne selber zum Supermarkt – zumal sie dabei zwingend als Team aufbrechen müssen, denn es gibt da gleichsam eine Symbiose „vom Blinden und vom Lahmen“: Meine Mutter ist noch gut zu Fuß und schafft sogar noch den Großteil der beschwerliche Gartenarbeit auf einem fast einen halben Hektar großen Gelände – dafür kann sie kaum noch sehen; seit fast einem Jahrzehnt fährt sie nicht mehr selbst mit dem Auto. Mein Vater kann zwar hingegen immer noch ziemlich gut sehen und traut sich auch noch (kürzere) Autofahrten im Stadtgebiet zu, aber dafür kann er kaum noch laufen; auch mit einem Stock fällt es ihm schwer, sich weiter als ein paar Dutzend Meter zu bewegen. Deshalb fahren sie stets gemeinsam los: Mein Vater wartet dann immer rasch ungeduldig werdend mit Rückenschmerzen im Wagen, bis meine Mutter endlich mit dem Einkaufen fertig ist. Viel lieber säße er zuhause Pfeife rauchend und lesend im gemütlichen Wohnzimmersessel. Deshalb fährt meine Mutter ganz gerne mit mir zu „Rewe“ oder „Edeka“ – vor allem, wenn es mal mehr einzukaufen gibt. Oder wenn im Getränkemarkt schwere Wasserkästen zu besorgen sind. Die Einkaufstouren mit meiner Mutter sind wöchentliche Routine und eine der Gelegenheiten, bei denen wir uns regelmäßig über Gott und die Welt unterhalten können.

6 Gedanken zu “Soziologische Feldstudien eines Eremiten im Feindesland – Supermarkteinkäufe

  1. Ich geh immer sehr gerne einkaufen, bei der Migros in Riehen (CH) oder beim Hyper U in Sierentz (F). Beide nur jeweils knapp 30 km entfernt. Da gibt es viele gute „Delikatessen“ (so nannte man das früher) und Spezialitäten. Dazu zähle ich freilich auch echte französische Baguette (gibts in Deutschland gar nicht, wegen andere Mehlsorte und so), Joghurts, Getränke (Lassi Mango, Alpenkräuter Eistee Bio), Butter aus der Normandie, Schoggi, grosses und tolles Fisch-, Käse- und Obstangebot, Patisserie und anderes. Mit Trüffel, Kaviar, Austern, Froschschenkeln und Gänsestopfleber habe ich aber nichts am Hut. Mit gourmetmässigen Grüssen und einem herzhaften „Bon appetit!“

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    • Unter kulinarischen Gesichtspunkten sitzt Du räumlich wie die Spinne im Netz! Bin da schon bisschen neidisch… Ich habe übrigens beobachtet, das die Nähe zu Frankreich auch dem Angebot deutscher Supermärkte gut zu tun scheint: Philomenas Mutter lebt von uns aus gesehen tief im Süden, bis nach Frankreich ist es nur eine kürzere Autofahrt. Das Sortiment an Delikatessen ist in jener Stadt in den Supermärkten erstaunlich gut, auch insgesamt ist die Lebensmittel-Auswahl dort ansprechender, als in hiesigen Städten, obwohl diese drei bis vier mal mehr Einwohner haben… Philomena schiebt das auch stets auf die nähe zu Frankreich. Überhaupt habe ich beim Vergleich diverser kultureller und soziologischer Aspekt zwischen Süd- und Norddeutschen zunehmend den Eindruck, dass man auch nach über anderthalb Jahrtausenden immer noch recht deutlich erkennen kann, bis wohin die römische Kultur vordrang, bzw. bis wohin eben nicht… 😉 Schöne Grüße aus dem Barbarengebiet ins gelobte Imperium!

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