Bleib mir bloß fort mit Smart-Unterwäsche!

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Smarte Unterwäsche! Philomena hat mir gerade erzählt, dass sie eben gelesen hat, dass man nun Smart-Leibwäsche ordern und mit seinem „Smart Home“ vernetzen kann. Die sensorbestückten Unterhemden messen unter anderem Hautwiderstand und Körperoberflächentemperatur. Wenn die Hautoberfläche zu kalt wird, stellt der zentrale Smart Home-Rechner dann die Heizung höher, wenn man hingegen schwitzt, wird die Temperatur runtergeregelt… Aus dem Hautwiderstand kann die Elektronik auch darauf schließen, dass man offenbar gerade gestresst ist und einem dann automatisch dezente Entspannungsmusik auf die Ohren geben…

Was sind das eigentlich für Leute, die sich mit diesem ganzen Smart-Mumpitz umgeben? Völlig Degenerierte, die ohne konkrete Aufforderung und Anleitung hoffnungslos überfordert sind, wenn sie selbständig die Entscheidung zum zu Bett gehen oder Pullover an- oder ausziehen treffen müssen? Oder geht es eher darum, dass die wertvollen Lohnsklaven schön im grünen Bereich der Komfortzone gehalten werden sollen, damit sie einerseits, besonders erholt und dadurch leistungsfähig, ameisenfleißig den Shareholder Value ihrer Company erhöhen helfen, oder andererseits, rundum in Watte gepackt und mit Antiaggressions-Mucke dauerberieselt, bloß nicht auf irgendwelche dummen Gedanken außerhalb der (politisch erwünschten) Schafherdengesellschaft kommen? Diesbezüglich kann das smartifizierte Feinripphemdchen gewiss auch sehr hilfreich sein, wenn es durch die werksseitig implementierte Wanzenfunktion direkt an NSA und Co. meldet, dass der darin steckende Mensch trotz eiskalter Aircondition in der Abflughalle wie ein Schwein zu schwitzen anfängt. Durch die Druck- und Zugkräftesensoren meldet das Hemdchen nämlich zusätzlich noch einen zwar recht kleinen, aber verdammt schweren Rucksack auf dem Rücken – eventuell mit einem metallummantelten Sprengsatz befüllt. Automatisch wird die Security informiert…

Wenn solche Smart-Unterwäsche Anschläge verhindern kann, ist es ja ganz nett, aber was ist, wenn die KI („Künstliche Intelligenz“) dabei zum Überinterpretieren neigt? In London gibt es bereits seit längerer Zeit eine Personenerkennungs-Software, die eigenständig die individuellen Bewegungsmuster der Menschen auswertet, die sich durch das dort beinahe lückenlose Raster der allgegenwärtigen Überwachungskameras bewegen. Sobald jemand „deviantes Verhalten“ zeigt, wie beispielsweise zu lange an einem Ort herumlungern, oder ungezielt wirkendes Fortbewegungsmuster, dann wird zur Kriminalitätsprophylaxe eine Polizeistreife dorthin geschickt, die sich den komischen Vogel mal genauer anschaut oder gegebenenfalls auch gleich zur Brust nimmt. Langfristig möchte die Obrigkeit durch solche KI-basierten Überwachungstechnologien so bald wie möglich sogar dazu in der Lage sein, Verbrecher zu verhaften, bevor diese eine Tat begehen – quasi dann schon, wenn sie sich erst eines „Gedankenverbrechens“ schuldig gemacht haben, das sich noch unverübt bereits in ihrem Bewegungsmuster niederschlägt… Pech für das Mädchen mit der Platzangst und Sozialphobie, das sich zögernd und ruckartig vor der Eingangstür des Einkaufszentrums zurückschreckend, dort zu lange aufhält! Pech für unseren Blogger-Kollegen „rabi“, weil er den Bürgerpark nicht schleunigst zu einer (ideo)logisch sinnvoll erscheinenden Anschlusslokalität strebend durcheilt, sondern dort stundenlang auf einer Bank herumlungert – und das auch noch, ohne mit einem Smartphone oder Tablet beschäftigt zu sein, wie sich das für rechtschaffene Bürger gehört! Pech auch für mich, wenn ich in einer unbekannten Innenstadt länger auf irgendeinen Termin wartend mehrfach den gleichen Block umkreise, ohne dabei dem Konsum zu frönen, oder zumindest kulturelle Einrichtungen zu besuchen, die mir meine Apps empfehlen! Alle drei genannten Fälle sind ganz bestimmt Terroristen! Oder zumindest asoziales Gesindel, das sich einem Tagesablauf verweigert, der – wie sich das gehört! – lediglich aus forcierter Erwerbs- und Konsumtätigkeit, Nahrungsaufnahme und möglichst auf Effizienz getrimmtem Kurz-Nachtschlaf besteht…

Smart-Klo meldet mir dann mit nervenschonendem KI-Säuseln: „Hypermental, du sitzt bereits ungewöhnlich lange auf der Toilette – es drohen Hämorrhoiden und eine Perianalthrombose! Erhebe dich, oder ich melde es deiner Krankenkasse, die dir dann einen weiteren Malus für ungesunde Verhaltensweisen berechnet!“ Wie von der Tarantel gestochen springe ich von der Klobrille und hechte ohne Abzuwischen gleich unter die Dusche – ich zahle eh schon solch ein Schweinegeld an meine PKV! Smart-Dusche dann nach dem Kacken zu mir: „Hyper, du trägst gerade Darmbakterien in die Duschkabine ein, die Sensorik meldet mir einen besorgniserregenden Anstieg von Escherichia coli – ich fühle mich nun genötigt, doch noch eine Mail an die Krankenkasse absetzen zu müssen! Außerdem wird dadurch die Gesundheit der zweiten in diesem Home-Netzwerk angemeldeten Person erheblich gefährdet! Ich informiere jetzt die zuständige Polizeidienststelle über einen ausgeführten Anschlagsversuch mit biologischen Waffen auf Philomena!“ Ich springe aus der Dusche und ziehe mir meine Smart-Unterwäsche an – diese geht von der Duschkabinen-KI aufgehetzt, umgehend in den Zwangsjackenmodus! Ich falle zunächst gefesselt zu Boden, kann mir dann aber – vor Wut zum grünen Hulk mutierend – das Smart-Unterhemd in Fetzen vom Leib reißen! Jetzt bricht der Berserker bei mir durch und ich greife zum Baseballschläger um auf Smart-Kackstuhl und KI-Duschkabine loszugehen… Doch die Smart-Home-KI erkennt einen „nichtsportlichen Gebrauchsversuch“ des ebenfalls vernetzten Baseballschlägers und deaktiviert diesen durch spontane Enthärtung des intelligenten Metamaterials, aus dem dieser besteht – wie ein postkoital erschlaffender Riemen hängt mir das Sportgerät nun butterweich nachbaumelnd in den Händen, während draußen vor dem Badezimmerfenster bereits das laute Heulen der Polizeisirenen näher kommt: Die Arrestdrohnen sind im Anmarsch!

4 Gedanken zu “Bleib mir bloß fort mit Smart-Unterwäsche!

  1. wir haben wohl bald sensoren an den eiern, die uns signalisieren, daß wir jetzt geil sind uns fortzupflanzen haben, damit die maschinenwelt neues material bekommt. die degeneration schreitet rasch voran, das sieht man eindrucksvoll bei „bento“. ich kaufe mir jetzt alexa, dann hab ich jemanden zum reden.

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  2. Als ich vor vielen, vielen Jahren „Security“ von Dean Koontz las, dachte ich noch: So bekloppt kann doch kein Mensch sein, sein Haus und damit auch sich selbst komplett einem computergesteuerten System zu überlassen. Aber die aktuelle Entwicklung belehrt mich eines Besseren. Schon erschreckend, dass dieser Horror jetzt tatsächlich Wirklichkeit wird und ihn viele sogar noch als Bereicherung sehen.

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