Tiflis

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Jetzt hat mich die Erkältung voll im Griff – es scheint eine vom sich langsam anschleichendem Typ zu sein, die ihr Maximum erst allmählich nach über einer Woche entfaltet. Angesteckt haben meine Mutter und ich uns beim Babyantrittsbesuch in der Familie meines Bruders. Dort hatte es meinen Bruder voll erwischt, er muss sogar momentan Antibiotika nehmen, weil ansonsten eine Lungenentzündung drohen könnte. Der Rest seiner Familie ist mittlerweile aber fast wieder gesund; der älteste Sohn spielt am heutigen Sonntag im Alter von 5 Jahren sein erstes Fußballturnier, die Tochter hat sich auch wieder gut erholt, nachdem sie wegen eines pseudokruppartigen Hustenanfalls vor einigen Tagen sogar in der Klinik zur Beobachtung gewesen ist, und das Neugeborene ist zum Glück gleich kerngesund geblieben.

Vermutlich lag es auch an meiner Erkältung, dass meine anfänglich hohe Bloggingfrequenz etwas abgeebbt ist. Oder der Reiz des Neuen hat sich bereits zu verflüchtigen begonnen…

Wenn ich krank bin, komme ich mehr zum Lesen. Bin da speziell bei den Zeitschriften immer etwas im Rückstand und hole gerade auf. Vor kurzem begann ich mit der Lektüre des SPIEGEL-Heftes Nr. 51 von Mitte Dezember. Ich lese den SPIEGEL seit meiner frühen Teenagerzeit. Damals war das eine große Liebe, Jahrzehnte später eher eine Hassliebe – obwohl auch das übertrieben ist: Sagen wir mal so, mich lässt inzwischen einiges eher kalt, d.h. ich lese den SPIEGEL heutzutage wohltuend „neutral“. In jungen Jahren blätterte ich hingegen mit der Heißblütigkeit des von links-drehendem Gerechtigkeitsempfinden und allerlei ökologischen und soziologischen Utopien beseelten Jungintellektuellen durch die orangeroten Pflicht-Hefte der Politikinteressierten, viel später dann aber auch von der borniert-besserwisserischen Gutmenschenattitüde einiger dort zwischenzeitlich und teils noch anhaltend verantwortlichen Redakteure oftmals unterschwellig angewidert… Zuviel erhobener Zeigefinger, zu viel indoktrinierend wirkende Belehrung – aber zu wenig echte Debatte und Diskussion; auch das Investigative liegt ihnen nicht mehr ganz so, wie zu Glanzzeiten.

Sehr erfreut hat es mich dann aber, dass ab dem Heft Nr. 51 und in einigen darauf folgenden Ausgaben, wieder eine Reisereportage von Navid Kermani auf mich wartet, jenem iranisch stämmigen Schriftsteller und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, der vor einiger Zeit als Bundespräsidentschaftskandidat gehandelt worden ist. Bereits in länger zurückliegenden SPIEGEL-Ausgaben führte er über ca. acht Hefte, während einer immer tiefer ostwärts führenden Reise von Schwerin bis nach Tschetschenien, eine Art literarisches Reisetagebuch. Obwohl eher unaufgeregt und wohltuend unpathetisch formuliert, sehr packend und ansprechend aufgeschrieben. In den aktuellen Heften setzt er diese Reise nun südwärts bis in den Iran weiter fort.

Im gerade gelesenen Auftakt dieses neuen Reiseabschnitts gelangt Kermani nach Tiflis in Georgien. Beim Lesen blühte mein Reisefieber gleich spürbar auf, denn Tiflis muss eine bemerkenswerte Metropole sein! Schnittstelle und -menge des Orients, Westens und Asiens – immer noch unter dem Staub des zerfallenem Sowjetreichs teilbegraben, scheint sich da eine im Lebensstil augenfällig modern und westlich geprägte orientalische Stadt aus den noch morbide-marode vorhandenen Ruinen des Kommunismus phönixgleich zu erheben, um in puncto Aufbruchsstimmung, improvisiert-imperfekter Lebensart und Gleichzeitigkeit von absoluten Gegensätzen ein wenig an das boomende Berlin der letzten Jahre zu erinnern. Vielleicht entsteht da ein ähnlich gefragtes Reiseziel für vorwiegend junge, kulturell aufgeschlossene Menschen, wie Prag, Barcelona oder Kopenhagen.

Man weiß als eingefleischter Westler so wenig über solche östlichen, postsowjetischen Weltgegenden. Ivan und Lena, mit denen ich mich zu meiner Zeit in „Shangri-La“ regelmäßig traf, brachten mir zum Beispiel recht plastisch und fast schon (ohne dort gewesen zu sein) nachfühlbar Kiew und die Ukraine näher. Das georgische Tiflis scheint eine ähnlich anregende Stadt wie Kiew zu sein, aber vielleicht sogar noch vielschichtiger als „Tor zum Orient“. Ich fragte mich gleich, ob ich überhaupt schon mal Georgier kennen gelernt hatte und kam dann – zeitlich rückwärts sinnierend – doch auf vier oder fünf. Alles interessante, sehr belesen wirkende Menschen, die Frauen dazu ausnahmslos bildschön. Am längsten hatte ich mich mit einem älteren Georgier – er muss damals so um die 60 gewesen sein – unterhalten, der mir ehedem regelmäßig innerhalb des kulturellen Mikrokosmos von Shangri-La auf Vernissagen über den Weg lief; ich glaube er war damals musikalischer Direktor der städtischen Bühnen, oder etwas in der Art. Ein weiterer Georgier studierte in jenen Tagen auch gemeinsam mit meiner damaligen Verlobten Giulia in deren Semester…

Eigentlich wollte ich nun gerade auch eine junge, talentierte Kunstmalerin nach Georgien verorten, von deren Werken – pastellig-halbabstrakte Landschaften, oft mit Gänsen – auch unser Mitblogger Inorbit recht angetan war, als er während meiner Berlinjahre in meinem Wohnzimmer durch einen Kunstbildband blätterte. Er hatte damals gerade erwogen, sein chromglänzendes Motorrad, weil es in seinem Kiez damals von Vandalen beschädigt worden war, vorrübergehend in meiner diesbezüglich etwas ruhigeren Wohnlage zu parken, falls er es eine längere Weile nicht brauchen sollte. Besonders angetan war Inorbit aber auch vom Schwarzweiß-Portrait der jungen Dame auf der letzten Seite jenes Kunstfotobuches… Niedlich war sie damals, gerade erst frisch von der Kunstakademie abgegangen. Ich lernte sie im Umfeld von Lena und Ivan kennen. Aber die Malerin stammte gar nicht aus Georgien, wie ich gerade dachte, sondern – nun fällt es mir ein: Sie und ihr Mann, ein eher kleinwüchsiger, stets piekfein gekleideter Geschäftsmann, den ich unabhängig von ihr bereits durch einen anderen Faden meines damaligen „Shangri-La“-Netzwerkes schon kannte, bevor die beiden heiratetet, sind Tataren. Sie stammt aus Kasan. Ebenfalls einer interessanten Stadt des Ostens, die man irgendwann einmal bereisen müsste…

Die Liste aller interessanten, potentiellen Reiseziele wächst immer weiter – ebenso aber auch die Gewissheit, diese wohl großenteils niemals wirklich besuchen zu können… Zu wenig Restlebenszeit und unternehmungslustige Mitreisewillige, aber vor allem: Leider viel zu wenig Kohle!

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