Des Esseintes der II. fährt in der rollenden Tochterzelle am profanen Eiersandwich-Gestank vorbei

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Nachdem ich meinen gestrigen Eintrag verfasst hatte, in dem ich umfassend über ausschweifende Baumaßnahmen für eine Schildkröte berichtete, und eingangs auch in einem kleinen Rückblick jene Zeiten erwähnte, in denen ich mich „babypopoglattrasiert und mit sorgsam drapierter Gel-Locke in der Stirn im Nadelstreifen-Maßanzug durchs feingeistig-kulturelle „Shangri-La“ bewegte“, fiel mir dazu noch spontan „Gegen den Strich“ (Originaltitel „À rebours“) ein, das 1884 erschienene, schnell zum Kultbuch des um die vorletzte Jahrhundertwende herum blühenden Genres „Dekadenzdichtung“ avancierte, bekannteste Werk des französischen Autors Joris-Karl Huysmans… Ähnlich der Hauptfigur „Jean Floressas Des Esseintes“ jenes eigentlich verstörend handlungsarmen „L’art pour l’art“-Buches, habe ich mich nach einer – zumindest im Vergleich zu meinem heutigen Lebensstil – dekadent-ausschweifenden Lebensphase ins häusliche Exil ausgelebter Einsamkeit zurückgezogen und nahezu sämtliche Verbindungen gekappt, die mich mit diesen nun bereits länger vergangenen Zeiten in „Shangri-La“ noch verbunden hatten. Oder an diese gefesselt – Auslegungssache.

Bereits zu jenen abwechslungsreicheren Zeiten – es muss kurz nach der Jahrtausendwende gewesen sein und unmittelbar vor meiner allerersten Autorenphase auf der bis zum Erstellen dieses WordPress-Blogs bevorzugten Schreibseite „myTagebuch“ – hatte ich „Gegen den Strich“ in einer schönen, schlicht in schwarzes Leinen gebundenen Ausgabe gelesen, und fühlte mich (selbst blauen Geblütes) dem jungen französischen Adeligen Des Esseints aus dem Buch ein wenig verbunden – auch wenn mir damals eigentlich Harry Graf Kessler als eine Art „Rollenmodell“ wesensnäher lag. Mit dem Rückzug hatte ich es damals noch nicht so ausgeprägt, wie heute – schließlich war ich in jenen Jahren gerade massiv mit dem Auftauen, Aufblühen und Ausleben befasst! Doch das Eigenbrötlerische war mir nie fremd – in meiner Jugend kultivierte ich es ähnlich wie heutzutage und war das belesene, introvertierte Kind, dem die anderen Kinder zu „kindisch“ waren, das deshalb außerhalb seiner Phantasie- und Bücherwelt stets von anderen Gleichalterigen eins auf die Mütze bekam.

Zurück zu Des Esseints, der Dekadenz und auch jenem Punkt, der mir angesichts des Themas „Landschildkröte“ diesen speziellen Roman nach Jahren erneut in den Sinn kommen ließ: Der Protagonist ist ein dekadenter Ästhet und Exzentriker in Maximalausprägung! Und er zieht sich nach wilden Jahren in der gehobenen Gesellschaft von Paris unbefriedigt, und von dieser maßlos enttäuscht, in ein vollkommen abgelegenes Haus zurück. Zu menschlichen Kontakten mittlerweile vollkommen unfähig, zelebriert er dort die totale Einsamkeit. Altgediente Leser meines Vorgängerblogs auf „myTagebuch“ mögen sich noch augenrollend daran erinnern, wie ich in späteren dortigen Schreibphasen – es mag so um 2010 herum gewesen sein – nach maßlosen Enttäuschungen während meiner Berlin-Jahre und mit zunehmend zeitlicher und sozialer Entfernung zur bereits vor diesen unerquicklichen Ereignissen angesiedelten Exzess-Lifestyle-Phase in der Jeunesse dorée von „Shangri-La“, davon sprach, „im Turm zu sitzen“! Ähnlich frustriert von der Menschheit, sperrte ich mich nach meiner Berlin-Pleite in einer riesigen, aber dennoch für einen erst seit kurzem geistig aus- und finanziell abgebrannten Lebemann erschwinglichen Wohnung in einem unbedeutenden Vorort Shangri-Las weg. Über einem stinkenden Schnellimbiss. Umgeben von Asis. Dumpf-brütend. Schwermütig auf depressivem Rückzug. „Im Turm sitzend!“ Des Esseints hat da im Buch, das sich im Rückblick nun fast als „hypermentaler Schlüsselroman“ entpuppt, deutlich mehr Glück bei der Wahl seines Exils: Er siecht in einer riesigen Villa vor sich hin und kann diese nach seinen hochexzentrischen Vorstellungen extravagant ausstatten. Er vertritt die These des Ästhetizismus, dass die Natur primitiv und dem menschlichen Geist unterlegen sei, weshalb er alles Künstliche dem Natürlichen vorzieht. In der Einsamkeit widmet Des Esseintes sich ausufernd seinen Liebhabereien, sammelt antike Bücher, die er zum Teil in einer einzigen Ausgabe auf feinstem Papier und mit erlesen Einbänden für sich gestalten lässt. Er widmet sich der Kunstmalerei, legt sich eine umfassende Sammlung exotischer Pflanzen zu, die ein Vermögen kosten und bald eingehen, befasst sich mit Edelsteinen und kostbaren, seltenen Düften und lässt sich sarkastisch über die Religion aus. Wieder Parallelen – sowohl bei den Düften und der Malerei, als auch der Meinung zur Religion! Zum Sinnbild seines lebenstötenden Stilwillens wird dann im Roman aber eine Schildkröte, die er sich anschafft, um einen seiner Teppiche zu schmücken: Da die Hausschildkröte ihm farblich doch nicht zur sündteuren Auslegware zu passen scheint, lässt er den Panzer des Tieres derart mit Gold und Juwelen verzieren, dass das Tier daran stirbt! Der bizarr-überspännige Lebensstil ruiniert schließlich die Gesundheit des Adeligen und fördert seine Neurosen. Er siecht langsam dahin… Der gesamte Roman beschreibt überwiegend, und für ein heutiges Publikum zermürbend detailliert, den im wahnhaftem Ästhetik-Bombast erstickenden Niedergang der Hauptfigur…

Zum Glück enden hier die vermeintlichen Parallelen und es ergeht der Landschildkröte im Haus „Zweieichen“ erfreulich besser, denn sie wird im Gegensatz zur armen Kreatur im Buch eher „lebensverbessernd“ behandelt. Aber mein Sinn für formal-ästhetische Perfektion, der künstlerisch geschulte Blick mit daraus abgeleitet feinsinnigen Ansprüchen an die dingliche Umgebung (auch wenn ich diese finanziell ausgebremst oftmals nicht bedienen kann – dann lieber Komplettverzicht!), der Wunsch, besondere Bücher, erlesene Parfüms und Orientteppiche um mich zu haben… Und dann auch noch eine Schildkröte als Haustier! Kein Wunder, dass mir das Werk von Joris-Karl Huysmans gestern einfiel, nachdem ich gerade davon geschrieben hatte, dass ich kein simples Innenterrarium bauen wollte, sondern „ein Konstrukt, das auch als Antikmöbel durchgehen könnte“ mit ziselierter Holzornamentik, eigens vom Glaser angefertigten Scheiben und „lederbezogenen Ausfachungen“… Nun gut; kunstlederbezogenen – ich bin schließlich nicht (mehr) Krösus!

Irgendwie bin ich dann schlussendlich doch nicht nur vollbärtiger Bastelschrat, sondern immer noch der alte Kunst- und Kulturschnösel. Gestern Abend fragte ich Philomena, welche dieser zwei konträr facettierten Figuren ihr eigentlich lieber sei, der gesichtsverkrautete Jogginghosen-Hillbilly mit den Betonpfoten, oder der gegelte, glattrasierte Nadelstreifen-Kulturschnösel. Sie antwortete: „Die Mischung aus beidem!“ Nun, vermutlich bin ich das auch tatsächlich. MyTB-Altleser erinnern sich sicherlich nicht nur an mein Schreib-Ego „hypermental“, sondern auch noch an den Raubauz „Bonanza-Schorsch“

„Ich hasse Menschen!“ Stinkende Säcke unterirdischen Niveaus, die einem beim leider unvermeidlichen Einkaufen zwischen den Regalen im Wege stehen! Hier bin ich mit meiner diesbezüglichen Abneigung wieder ganz bei Des Esseints… Vielleicht hätte dieser sich im ausgehenden 19. Jahrhundert auch nicht derartig immobilisiert ins Gehäuse verkrochen, wenn er schon damals ein adäquates Fahrzeug zur Verfügung gehabt hätte! Ich bin jedenfalls sehr froh, dass wir hier trotz aller Engpässe ein Auto besitzen: Fluchtwerkzeug und mit einem Türschlag von der feindlichen Umwelt abschottbare Wohnzimmer-Exklave! Welch widerwärtiger Gedanke, man müsste sich den „Freuden“ des öffentlichen Personennahverkehrs ergeben! Bakterienwolken wabern durch enge Menschenkisten, dazu der Gestank deutlich schon länger mit Eierscheiben belegter Butterbrote und mehrsprachiges Kindergeplärr! Tote Bürozombie-Visagen und wulstige Lippen, an denen dann smegmaartig bröckelige Reste der Eierscheiben kleben! Fettwülste, die bei zu hoch eingestellten Heizungen wenig atmungsaktive Trenchcoats durchfeuchten… Da zieht es mir die Cojones nach innen!

Seit meinem 25. Lebensjahr bin ich zum Glück nicht mehr darauf angewiesen, ein solches Entsetzen um mich herum zu ertragen! Selbst in meinen Jahren in Berlin stand ich dort lieber mit dem eigenen Wagen im Stau, als in die Klärgrube namens U-Bahn zu hüpfen! Mein neurotischer Kumpel Rudi hält das in der Hauptstadt übrigens auch so – bei ihm ist die Sozialphobie daran schuld. Bei mir hingegen eher generalisierter Menschenhass! Oder zumindest formalästhetischer Ekel hinsichtlich gemeinüblicher Menschenphysis… Zum Glück ist es in „Niedergüllestunk“ erfreulich dünn besiedelt und innerhalb des an einem Stichweg zurückgezogen gelegenen Hauses tritt überwiegend nur Philomena in mein Blickfeld – Kleidergröße 36/38, erlesen parfümiert und stets außerordentlich gepflegt.

Wenn mich das Leben mit seinen Sachzwängen dazu nötigt, diesen sicheren Hafen temporär verlassen zu müssen, dann steige ich ins Auto – eine Art Tochterzelle von Haus „Zweieichen“, die sich mit dem elektrischen Schließen des sektionalen Garagentores vom Grundstück abschnürt. Mich, mit schalldämmenden Materialen, Wärmeschutzverglasung und Sitzheizung wohlwollend ummantelt, der zu durchfahrenden Feindlichkeit entrückt! Als junger, kaum erst dem goldenen Käfig des Elternhauses entwachsener Schnösel ohne praktische Lebenserfahrung, glaubte ich nach dem Erwerb meines ersten Automobils noch, ich würde nach diesem Vierzylinder einem „Gesetz der Serie“ folgend dann einen Sechszylinder, weitere 90.000 Kilometer später einen Achtzylinder und danach womöglich einen Zwölfzylinder kaufen – selbstverständlich jeweils Neuwagen! Schließlich studierte man und würde danach unweigerlich in ganz besondere Sphären aufsteigen! 90er Jahre-Denke war das… Nach dem Jahrtausendwechsel entpuppte sich die auch global betrachtet zunehmend rauer werdende Welt als etwas weniger planbar und die angestrebte Gradlinigkeit ganz nach oben wich Brüchen, Rückschlägen und Enttäuschungen. Eine Biografie begann sich zu entfalten; aber eher eine romanhaft schlingernde voller allzu-menschlicher Volten, als ein Lebenslauf nach Art eines Businessplans. Rückblickend war das gut. Aus einem runden Seifenstück wurde ein eckiger Klotz. Aus dem ölköpfigen Bürschchen der mürrische Schrat, den ich persönlich lieber mag, weil ich ihn mittlerweile ganz gut kenne… Der Schrat blieb beim Sechszylinder stehen und konnte auch nur dank der geerbten Limousine von Philomenas Vater einer anderen „Serie“ von Autowechsel zu Autowechsel folgen: Nicht der stetig zunehmenden Zylinderzahl, sondern einer stetig zunehmenden PS-Zahl – bei jedem neuen Fahrzeug wurden es rund 70 bis 100 PS mehr… Etwas aus der Zeit gefallen vielleicht und Grüne würden mich lynchen. Aber Spaß macht das Fahren daher schon!

0015 im Auto

Ich fahre gut und gerne Auto. Inzwischen seit dem Führerschein vermutlich schon eine eigenhändig gelenkte Gesamtstrecke, die etwa dem Weg von der Erde zum Mond entsprechen, oder vermutlich schon etwas darüber liegen dürfte. Neben den jeweiligen eigenen Autos auch Leihwagen und angemietete Lieferfahrzeuge, Autos von Freunden und Bekannten und bereits vor dem ersten eigenen Vehikel wenige tausend Kilometer am Steuer des Autos meiner Mutter. Am längsten steuerte ich mein heißgeliebtes Sportcoupé durch die Weltgegenden: Fast 14 Jahre lang und eine Viertelmillion Kilometer weit – einmal sogar bis an die Küste der Barentssee. In Zeiten in denen man im ÖPNV damit rechnen muss abgestochen, oder auf dem Bahnsteig zusammengetreten zu werden, genieße ich das Sicherheitsgefühl im erweiterten Wohnzimmer. Denn der gesunde Menschenhass scheint mir bezüglich der Lage dort draußen in der feindseligen Öffentlichkeit berechtigter zu werden: Die Welt ist verrückt geworden! Selbst im beschaulichen „Obergüllestunk“ wurde kürzlich in den Grünanlagen ein Kind vergewaltigt und in „Klein-Arabien“ und „Graustadt“ gehen nachts sowieso allerorts die Messer auf. Wohl dem, der dort nicht auf den Bus warten muss… Vielleicht werde ich in einem der kommenden Einträge etwas weiter ausholen, und davon berichten, welch „erfreuliche Dinge“ sogar hier auf dem vermeintlich beschaulichen Lande geschehen. Die Mitnahme von Pfefferspray ist hier nämlich ein Muss, wenn man keinen sehr, sehr großen Hund an der Leine hat. Allerlei sinistere Gestalten treiben sich hier herum. Aber das würde für heute den Rahmen sprengen! Ich schwafele wohl auch nur deshalb so ausschweifend hier herum, weil ich inzwischen doch etwas stärker erkältet, keine Lust habe, die verschnörkelte Kröten-Kiste weiter zu lackieren, oder bei der Eiseskälte noch in den Garten zu gehen und eine zu paffen!

Hypermentale Grüße ans gepriesene Publikum!

5 Gedanken zu “Des Esseintes der II. fährt in der rollenden Tochterzelle am profanen Eiersandwich-Gestank vorbei

  1. Ja, du warst schon ein ziemlich aufgeblasener Popanz zu jenen frühen Mytagebuch – Zeiten. Manchmal blitzt der Popanz hier noch durch. Ich habe mich, als ich im Keller in Allach wohnte, mit Dostojewski’s „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ identifiziert.

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