Rudi, der esoterische Aluhutträger

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Fühle mich „wie ein nasser Waschlappen“, „ein Schluck Wasser in der Kurve“, bin „rotzfertig“… Seit mehreren Tagen kann ich kaum einschlafen – oft erst gegen 6 bis 9 Uhr morgens und dann meistens nur 2 bis 6 Stunden lang. Seit etwa dem 29. Dezember geht mir das so. Mein Kumpel Rudi aus Berlin meint, das läge an irgendwelchen Energiewellen aus dem Universum, die uns transformieren sollen, denn der „Aufstieg der Menschheit“ stehe unmittelbar bevor. Aber Rudi spinnt bekanntermaßen hochgradig und wartet auf eben jene großartige Transformation zur über- bis außerirdischen Lichtgestalt schon seit Jahren vergeblich…

Um einmal für den ahnungslosen Leser anzureißen, welcher Art sich diese Spinnerei gestaltet, möchte ich einen längeren Absatz aus dem Herbst 2016 zitieren, den ich damals innerhalb meines einstigen „myTagebuch.de“-Blogs veröffentlichte – es handelt sich um meinen bis heute letzten Besuch bei Rudi in Berlin, danach gab es vor genau einem Jahr noch einen Gegenbesuch von ihm über den Jahreswechsel 2016/17, danach sahen wir uns nicht mehr persönlich. Aber wir telefonieren sehr häufig und meistens textet er mir dann auch seine esoterisch-verschwörungstheoretischen Gedankenfürze durchs wohlweislich in Erwartung des Kommenden auf Durchzug geschaltete Hirn. Aber lest selbst:

„Wie stets auf meinen Reisen in die Hauptstadt logierte ich beim irren Rudi, dessen seit fast schon einer Dekade stetig anhaltender geistiger Verfall in immer absurdere Verschwörungstheoriegebäude und abseitigere Wahngespinste zwischen UFO- und Erweckungs-Esoterik, selbstauferlegten pseudoreligiösen Dogmen, links-bräunlicher Querfrontromantik und psychotisch anmutender Weltgeschehensexegese mich dieses mal weniger belustigte, als vielmehr zwischen ratlosem Dauerkopfschütteln und einem leichten Permanenterschauern zurückließ.
Der Gute trug daheim ein Putin-T-Shirt (Portrait in stramm-militärischer Heldenpose vor Russlandflaggenhintergrund, darunter auf Kyrillisch „Putin – unser Präsident“), das er aushäusig sorgsam unter einem roten Pullover versteckte. Etwas eierlos, denn immerhin ist Rudi zutiefst davon überzeugt, dass der russische Zerbomber syrischer Krankenhäuser ein „Lichtkrieger“ ist, der in Angelegenheiten des Aufstiegs auserwählter Menschen (Rudi selbst z.B.!) in die fünfte Dimension, eine Ebene voller galaktischer Liebe, auf der Seite der „Guten“ steht, also nicht auf Seiten der chasarischen Mafia, die einer verbreiteten antizionistisch-rechtsesoterischen Verschwörungstheorie nach sämtliche „Bösen“ dieser Erde stellt, etwa Angela Merkel, Obama und „Killary“ Clinton (von der es übrigens mindestens 5 Klone gibt) – Donald Trump hingegen arbeitet für die Jesuiten. Auch nicht viel besser. Unterstützt werden die Chasaren von den reptiloiden Anunnaki-Aliens, welche auch die weltzerstörenden Strangelet-Bomben platziert hatten, von denen er schon letzten Herbst berichtete. Diese sind mittlerweile von irdischen „Lichtarbeitern“ und ihren UFO-Helfern, den Plejadiern, immerhin rechtzeitig entschärft worden. Dafür gibt es laut Rudis geballter, aus dem Jenseits „gechannelter“ Internetweisheit nun Probleme mit Toplet-Bomben auf der Plasmaebene…
Immer wieder neuer Ärger also! Deshalb verschieben sich Weltuntergang bzw. Menschheitsaufstieg auch immer stets ein paar Wochen weiter hinter sämtliche verflossenen Prophezeiungspunkte…


Rudis Aufstieg zum Lichtwesen zieht sich also noch ein wenig hin, so dass er weiterhin seinem Hilfsbremserjob an der Uni nachgehen muss (den er wohl nur deswegen noch nicht verloren hat, weil er seine verschrobene Gesinnung dort ebenso versteckt, wie sein Putin-Shirt). Oft ist er ermattet und voller Kopfschmerzen und Übelkeit, kaum noch arbeitsfähig. Ich vermute mal ganz stark, dass diese Malaisen (ebenso wie sein leichter Schlaganfall vor einigen Jahren) von seinen Experimenten mit kolloidalem Silber und zigtausendfach überdosierten Vitaminen herrühren. Ein buntes Potpourri ominöser Nahrungsergänzungsmittel pfeift er sich tagtäglich ein!
Rudi sieht das erwartungsgemäß anders: Die Kopf- & Körperschmerzen rühren von Transformationsprozessen seines Aufstiegs her, immerhin wird von Liebesenergiewolken der galaktischen Zentralsonne momentan das Zellgedächtnis seines Rückenmarks umprogrammiert – das äußert sich auch schon mal in Kreuzschmerzen! Außerdem ist er durch seine prophetisch-überlegenen Gedanken und seinen beginnenden Aufstieg in höhere Sphären auch auf den Schirm der chasarischen Mafia geraten, diese foltert ihn um seinen Fortschritt zu verhindern im Schlaf mit Skalarwellen aus Satellitenwaffen. Daher die Kopfschmerzen…
Aber Rudi weiß sich zu helfen! Mutig schiebt er sich Analsonden ins Rektum – er hat kürzlich den Segen täglicher Einläufe für sich entdeckt… Entgiften und Entschlacken – erst spülen, dann kacken. So schlägt er der chasarischen Zionistenbande ein Schnippchen!
Immer wenn ich mal ohne ihn aus dem Haus war, um mich in Kreuzberg mit Inorbit zu treffen etwa, stöpselte der angehende Lichtkrieger achtern ein. Einmal lag die nach einer vermutlich nur halbherzig erfolgten Ausspülung nachtröpfelnde Rektalpeitsche quer über alle Gästehandtuchhaken an der Badezimmertür drapiert, was mich umgehend zur Verweigerung der Handtuch-Nutzungsfortsetzung brachte. In seiner kauzig-isolierten Entfremdung, seiner daraus resultierenden Borniertheit konnte Rudi gar nicht verstehen, wieso ich die Handtücher wechseln wollte und mahnte seinerseits höchst vorwurfsvoll meinen angeblich exorbitant hohen Handtücher- und Klorollenverbrauch an. Nun, ich musste mir durch den ganzen Badezimmerschmodder halt eine halbwegs keimfreie Bahn freikämpfen. Selten habe ich eine ähnlich versifft-verlotterte Bude gesehen, wie jene bei meinem Uralt-Kumpel Rudi.
Während meines Besuches wurde ihm eine neue Matratze (die „Anti-Kartell-Matratze“ natürlich, wie es sich für einen geborenen Kritiker jeglicher etablierten Ordnung gehört) geliefert. Als ich ihm dabei half die alte Matratze für den Müll zusammenzurollen, bot sich mir ein Blick unter die Rudi‘sche Bettstatt: Ein überknöchelhoher Staub-Flokati gespickt mit vertrockneten Nahrungsresten, vergilbten Notizzetteln, Taschentüchern und Kleingeld in ausreichender Menge um damit ein Sparschwein zur Gänze zu befüllen!
Kondomverpackungen fehlten hingegen, ein Lichtwesen fickt nicht. Rudi ist mit 44 noch Jungfrau (erst war er schüchtern, später soziophob, dann bekanntlich im Transformationsprozess). Damit das niemand merkt, versteckt er sich hinter einem brachial-präpubertären Pennälerhumor, der meistens in unterster Regalbretthöhe unter der Gürtellinie rotiert, und erwähnt mir gegenüber angesichts sämtlicher uns auf unseren Ausflügen zu indischen Restaurants und historischen Museen begegnenden Frauen von 15-35 Jahren und unterhalb Konfektionsgröße 42 großspurig, was er mit diesen zu tun gedenke, bzw. diesen raten würde, ihm angedeihen zu lassen. Manchmal entfahren ihm solche Spontanphantasien in einer Gesprächslautstärke, die auch umstehende Dritte mit Heiterkeit oder wahlweise Entsetzen erfüllt…“

Soviel zu Rudi, der mittlerweile nicht mehr 44, sondern 46 Jahre alt ist, aber im Grunde genommen absolut noch genauso drauf, wie in diesem Textexzerpt aus meinem 2016er-Blog bei myTagebuch.de..

Aber damit kein falscher Eindruck aufkommt: Ich mag den Rudi. Unter dem ganzen Verschwörungs-Ballast ist er ein feiner Kerl, den ich schon seit einem viertel Jahrhundert kenne. Mit dem exzessiven Herumgespinne hat er erst ab 2008 zunächst schleichend und dann stetig schneller zunehmend begonnen. Ich denke er verdrängt damit auch Kindheitstraumata aus seinem fürchterlichen Elternhaus von dogmatischen Religionsspinnern (von denen er sicherlich auch beidseitig genetisch vorbelastet einen Hang zum exzessiven Glauben geerbt hat). Außerdem bietet ihm solch ein selbstgezimmertes Wahngebäude Pseudostabilität und auch Trost in der Hoffnung auf eine durch freundliche Aliens und überirdische Lichtkräfte gewährten, stets unmittelbar bevorstehenden Erlösung aus der eigenen hoffnungslosen, von Ängsten geprägten, und objektiv als „gescheitert“ zu betrachtenden irdischen Existenz. Rudi ist die zweite Person, die ich in meine zukünftig weiter wachsende Übersichtsliste „Orte und Personen“ (hier anklicken!) aufgenommen habe, mit der ich dafür sorgen möchte, dass Ihr geschätzten Leser und Abonnenten beim Konsumieren meines Blogs den Überblick behalten werdet.

Meine eingangs dieses Blog-Eintrags erwähnte Dauermüdigkeit ist gleichermaßen Fluch und Segen – einerseits vertreibt der mehrtägige Schlafentzug recht nachhaltig meine depressive Grundstimmung, andererseits führt er auch zur permanenten „Birneweichheit“: Ich kann mich gerade kaum noch aufs Schreiben konzentrieren, obwohl ich eigentlich noch über mehrere aktuelle Erlebnisse berichten wollte. Denke ich werde dafür einen weiteren Eintrag brauchen, den ich mir entweder gleich noch nach ganz viel Kaffee und einem Gang an die stürmisch-regennasse Frischluft aus den Fingern schütteln, oder aber erst morgen und hoffentlich etwas ausgeschlafener verfassen werde.

7 Gedanken zu “Rudi, der esoterische Aluhutträger

  1. Vielleicht hat Rudi recht mit den „Energiewellen aus dem Universum“, ich schlafe auch erst um 6 oder 8 ein. Herrlicher Eintrag! Die Spinner werden immer mehr, sie haben sich im Internet gefunden. Auch sprießen Spinner- und Esoterik-Webseiten wie Pilze aus dem Boden. Homöopathie, kolloidales Silber, Heilsteine – es wird immer bekloppter. Ich glaube, wir befinden uns im Endstadium.

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    • Dank Internet in jedem Haushalt synchronisieren sich auch die Spinner… 😉 Früher gab’s so Schrate, die irgendwo für sich inner Laube wohnten und damit rechneten, dass der „Russe wieder im Anmarsch“ sei – heute haben solche Existenzen Internet und hecken gemeinsam ganze Weltanschauungstheoriegebäude aus. Im Übrigen werde ich wohl doch erst morgen und ausgeschlafen meinen nächsten Eintrag verfassen – bin gerade völlig durch und fühle mich wie zugekifft. Muss wohl dringend pennen… Greetz!

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  2. An die Rudi-Schilderung erinnere ich mich jetzt doch wieder fetzenweise: Damals kannte ich kolloidales Silber noch gar nicht. Vorgestern „Nacht“ hörte ich im Traum: „Silbergift“. Leuchtet mir hiermit ein. 😉 Schlafe übrigens zwischen 7 und 8 Uhr ein. Kätzerische Grüße einmal mehr, und erholsameren Schlaf wünsch ich Dir, ach, Euch allen. 🙂

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  3. Sehr amüsante Schilderungen und Formulierungen („die nach einer vermutlich nur halbherzig erfolgten Ausspülung nachtröpfelnde Rektalpeitsche…“). Schon gruselig, was sich manche Leute so zusammenspinnen und was für vollständig von jeglicher Realität isolierte Gedankengebäude da entstehen.

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