Die Technosphäre der Erde wiegt inklusive Spießersiedlungen über 30 Billionen Tonnen

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Am frühen Abend spazierte ich durch eine Neubausiedlung am Ortsrand von „Obergüllestunk“. Zusammen mit Philomena, was eher selten vorkommt, denn diese Dame führt ein überwiegend eremitisches Dasein im Westteil der oberen Etage von Haus „Zweieichen“, dessen Grundriss sie nur selten verlässt – ich kenne niemanden sonst, der sich so gründlich und so langanhaltend komplett aus der Gesellschaft und Menschenwelt zurückgezogen hat, wie sie. Aber sie hat gute Gründe dafür, die sie sich nicht gerade selbst ausgesucht hat.

Vor lauter Weihnachtsvorgartenbeleuchtung sah man den fahl durch die Wolken scheinenden Vollmond kaum. Lauter größere Häuser auf kleineren Grundstücken entlang von Nebenstraßenschleifen angeordnet und vermutlich mit weitgehend ähnlichem Inhalt befüllt. Deutschlands sechs oder sieben meisthäufig verkaufte Autotypen in jeweils einem oder zwei Exemplaren in der Garage, Zeug von Tchibo in den Schränken von Ikea. In den Küchen summt leise der Thermomix. Die Brut heißt Ben, Emma, Mia oder Paul, wird mit einem Jahr zwecks Verräumung in die Kita abgestillt und soll später gefälligst dank per Nachhilfe eingebläuter Dreisprachigkeit international Karriere machen. Im bis auf zwei Alibi-Bäumchen nur mit Rollrasen bepflanzten Garten herrscht die gleiche gähnende Leere, wie in den Köpfen der Siedlungsbewohner. Im Garten gibt’s wenigstens meist noch ein Trampolin, in den Köpfen springt es weniger… Kurzum, ein Spießerparadies! Von bestechender Gleichförmigkeit, trotz krampfhafter Bemühung um Individualität auf den Vorgarten- und Eingangsfassadenquadratmetern.

So möchte man nicht leben. Ich habe es grundsätzlich nicht so mit der Mitte, mit Mittelmaß, Mainstream, Mittelweg, politischer Mitte, Massengeschmack und Durchschnittsbiografien. Mein alter Schulfreund Oliver sagte mir – nachdem sich auf einem gemeinsamen Skandinavien-Roadtrip im vergangenen Sommer mit Lokführer-Mitch als Drittem im Bunde herausstellte, dass ich von uns dreien mit Abstand am meisten herumzickte – dass ich ein „Freigeist“ sei und ein „Querkopf“. Querdenker, Quereinsteiger, Querulant und politisch fast schon Querfront. Mich kann man nicht ins „Rechts“ oder „Links“-Raster pressen, bin da beides, oder nichts davon. Die Mitte umschiffend tendenziell weit links, aber dennoch mit erzkonservativen Einsprengseln versetzt und was die Umwelt angeht sehr grün. In allen nicht umweltpolitischen Aspekten hasse ich die Grünen aber wie die Pest: Riesige Heuchlerbande – fast gleichauf „schlimm“, wie die AfD.

Angesichts der Klinkerwüste, die wir durchschritten, dachte ich daran, dass ich auch hinsichtlich der eigenen Wohnsituation diese durchschnittsdeutsche Lebenswelt der „Mitte“ eher meide und mich hingegen gleich an beiden äußeren Rändern der wohntechnisch möglichen Spannbreite ex aequo wohlfühle; lieber entweder in einer Hütte im Wald leben, oder aber in einem grell-brodelnden Metropolenkiez! Letzteres hatte ich von 2008 bis 2010 bereits, als ich in Berlin lebte. Die Waldhütte leider noch nicht so ganz – aber „Niedergüllestunk“ kommt dieser bereits etwas näher. Zumindest aber steht Haus „Zweieichen“ nicht in so einer Hochdruckreiniger-und-Laubsauger-Ödnis, wie jene, durch die wir heute flanierten. Unsere Heimat-Winzsiedlung „Niedergüllestunk“ nahe des Flusses ist rauher und spröder ohne gepflasterte Bürgersteige zusammengewürfelt, mit in der Gegend abgestellten Uralt-Lieferwagen neben Bauernhäusern, Pferdekoppeln, Osteuropa-Puff und vereinzelter Leichtindustrie. Aber zum Glück alles so überschaubar kleinräumig und dazu von größeren Ansiedlungen abgelegen, dass man von überall aus mindestens in einer Richtung bis zum Horizont in die Weite schauen kann. Der weite Blick über offenes, unbebautes Land tut mir gut und erdet mich. Ich mag es, wenn ich heranziehende Wetterwechsel schon von weitem sehen kann und wenn der Sternenhimmel nachts kalt, klar und unüberstrahlt ist.

Die Technosphäre der Erde wiegt über 30 Billionen Tonnen. Unter der „Technosphäre“ versteht man die Summe aller jemals menschgemachten Objekte und Strukturen, die sich mittlerweile wie großflächiger Hautkrebs über den Planeten ziehen. Geleckte Klinker-Spießersiedlungen, Autobahnnetze, zu Bröckchen zerbröselter Römerkolonienbauschutt unter der Kölner Domplatte, Menhire, Grabbeigaben, Smartphones, Flachbild-Fernseher an Wänden und in Müllhalden, Bergwerke, Bohrinseln, Bomberstaffeln, Bürowolkenkratzer, Hängebrücken und Öltanker, Lande-, Eisen- und Bowlingbahnen, Haarnadeln, Müllcontainer, Ming-Vasen und echte wie gefakte Giacometti-Skulpturen, Festival-Gelände, Gewürzdosen, Giftmüll und Glasdildos – all das ist die menschgemachte Technosphäre, die den Planeten heutzutage und bereits seit Jahrhunderten dicker werdend umhüllt. 30 Billionen Tonnen! Gleichmäßig verteilt entspräche dies einer Last von 50 Kilogramm auf jedem Quadratmeter der Erdoberfläche (einschließlich Meeren).

In vielen Flüssen, Seen und Meeresgebieten schwimmen schon mehr Mikroplastik-Partikel als Organismen und der menschgemachte Müll füllt gewaltige Deponien. Der ganze Planet ist auf dem Weg zur Müllkippe und das Krebsgeschwür Menschheit frisst sich immer schneller in die natürliche Bio-, Hydro- und Atmosphäre. Zum Glück könnte dem Geschwür alsbald die Nahrung ausgehen, denn es wird heutzutage ein Mehrfaches von dem verbraucht, was durch natürliche Ressourcen nachwachsen und nachgeliefert werden kann. Aber andererseits ist der Mensch ein schlaues Raubtier, d.h. nach der Phase des Raubbaus wird es vermutlich dank Asteroiden- und Mondbergbau doch noch eine Weile weitergehen. Schlimmstenfalls wird der Mensch eine interplanetare oder gar interstellare Spezies. Galaxiengeschwulst… Vielleicht sprengt sich die Menschheit aber vorher doch noch kollektiv in die Luft und über die Glasdildos, Gabelstaplergabelbolzen, Thermomix- und sonstige Trümmer kann langsam wieder Gras und Urwald wachsen! Die Evolution wird zu neuer Vielfalt ansetzen, die sich zumindest nach einer Apokalypse der Homo-Sapiens-Welt so lange immer wieder und weiter auf dem Planeten Erde ausbreiten kann, bis die Sonne auf dem Weg zum roten Riesen in einer knappen Milliarde Jahren zu heiß dafür scheinen wird. Tröstlich.

7 Gedanken zu “Die Technosphäre der Erde wiegt inklusive Spießersiedlungen über 30 Billionen Tonnen

  1. Es dauert noch 5 Milliarden Jahre, bis die Sonne sich zu einem roten Riesen aufbläht. Aber bis dahin ist der Mensch schon lange ausgestorben. Wenn die Menschen nicht bald die Überbevölkerung in den Griff kriegen, wird schon die Generation nach uns arge Probleme haben. Aber sie vermehren sich weiter ohne Sinn und Verstand. Wir steuern auf den großen Eisberg zu.

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    • Schrieb ja, dass sie in 1 Milliarde Jahren „auf dem Weg zum roten Riesen“ sein wird. In 5 Milliarden Jahren ist die Sonne ☀️ dann ein roter Riese in Maximalausdehnung und wird vielleicht sogar die Erde verschlucken (zumindest aber Merkur und Venus), zu heiß auf der Erde wirds für höhere Lebewesen aber schon in 800 Millionen bis 1 Milliarde Jahren, dann wird die Sonne ungefähr 10 % heißer und größer sein, als heute… Greetz! 👋🏼

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  2. Voluminöse Aufzählung, toll. Aber ich glaubs nicht, bin nicht so pessimistisch. By the way, es ist paradoxerweise oft grade diese „krampfhafte Bemühung um Individualität“ in der Gestaltung privater Lebensräume, die ganz besonders spiessig sein kann. Aber wie gesagt, toller Text, tolle Aufzählung.

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    • Ich hoffe ja im Innersten auch, dass die Menschheit doch noch eine ganze Lebensspanne lang friedlich durchhält, denn ich habe gerade erst vor einer Stunde die Nachricht erhalten, dass ich zum dritten Mal Onkel geworden bin! Werde nach der kurzen Nacht vielleicht morgen schon hinfahren, mal sehen… 😉😊😀 Einen eigenen Eintrag dazu schreibe ich aber erst später, bin schon zu müde… Gute Nacht und Grüße! 😴💤

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  3. „In der Kita abgestillt“ statt abgestellt ist super! 👍😁 Nichts gegen „Emma“, bitte. Wollte meine erste Tochter schon so nennen, aber die epidemieartige Verbreitung dieses Namens hat mich natürlich massiv abgeschreckt. Dafür darf ich jetzt dauernd erklären, wie es kommt, dass meine erste Tochter solch einen außergewöhnlichen und die zweite einen so geläufigen Namen trägt. Grüße von einer Spießerin, die leider nicht mit Rollrasen aufwarten kann. 😃

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  4. „Der weite Blick über offenes, unbebautes Land tut mir gut und erdet mich.“ Das geht mir genauso. Ich brauche das. Wusste ich aber auch erst, nachdem ich mal 2 Jahre lang in Berlin im Wedding gelebt hab. Ich genieße es jetzt, dass unser Küchenfenster direkt in die Felder guckt.

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