Armut de Luxe in „Niedergüllestunk“ und ein nahezu nicht gefeiertes Silvester

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Also richtig gefeiert habe ich den Jahreswechsel dieses Mal nicht – im Grunde genommen fand er einfach ohne mein Zutun statt. Früher war das mal anders. Als mein Leben ein wenig mehr auf der Marmeladenseite des traurigen Toastbrotes verlief, feierte man in großer Runde Silvester in Berlin, London, bei netten Freunden in den Niederlanden oder auch mal als gleichzeitige Einweihungsfeier der neuen Penthousewohnung meines einstigen Studienfreundes Peer, zu dem ich nun schon seit Jahren überhaupt keinen Kontakt mehr habe. Unsere Lebenswege verliefen nach meinem Zweitstudium in „Shangri-La“, währenddessen wir uns kennen gelernt hatten, in diametral entgegengesetzte Richtungen: Er wurde zum verbohrten Workaholic, der neben internationaler Experten-Karriere, wöchentlichem Pendeln zwischen mehreren Städten, überehrgeizig ausufernd angelegter Doktorarbeit und einigen schweren Schicksalsschlägen aufgrund intrafamiliärer Todesfälle auch noch zweifache Kindsvaterschaft schultern musste. Angeblich (die Tante meiner ehemaligen Kumpelfreundin Julie stand damals in Kontakt zu Peers Mutter) führte ihn dieser Weg damals in einen schwerwiegenden Komplett-Burn-Out. Seitdem herrscht totale Funkstille seitens Peer. Obwohl ich vor anderthalb Jahrzehnten fest davon überzeugt war, dass er neben meinem Uraltfreund Mitch und meinem Berlinkumpel Rudi zu jenen Gestalten gehören wird, mit denen man bestimmt bis ins hohe Greisenalter in Kontakt stünde…

„Shangri-La“? Ihr fragt Euch bestimmt, welche Stadt ich damit meinen könnte – schließlich hat der Blogger Hypermental sicherlich nicht in einem fiktiven Paradies in den Bergen Tibets studiert… Nun, ich habe mich dafür entschieden sowohl bei den Orten, als auch bei den Personen, die in meinen „Daily News from Absurdistan“ vorkommen, erdichtete Aliasbezeichnungen zu verwenden, um eine gewisse Anonymität zu bewahren, die mir durchaus heilig ist. Die Bezeichnungen sind aber stets treffend, so würde ich etwa Köln „Kathedralenstadt“ oder „Oberjeckenfeld“ nennen, einen „Peter“ „Paul“ und eine „Juliane-Marie“ dann im Blog „Christine-Luise“. Damit Ihr, werte Leserinnen und Leser, demnächst angesichts der verwirrenden Orts- und Personennamenvielfalt – die sich hier mit der Zeit entfalten wird – nicht völlig ins Schleudern kommt, habe ich als kleinen Extraservice für Euch eine oben auf meiner Seite im schwarzen Balken anklickbare Erklärungs- und Übersichtsliste „Orte und Personen“ erstellt. Da könnt Ihr dann zum Beispiel nachlesen, warum mein Haus „Zweieichen“ hier in „Niedergüllestunk“ steht, und das dieses wiederum ein Anhängsel von „Obergüllestunk“, bzw. weiträumiger betrachtet von „Klein-Arabien“ ist. 😉

Jedenfalls wurde dieses Silvester hier kaum gefeiert – auch weil unser einzig angedachter Partygast Mitch arbeitsbedingt absagt hatte. Der Gute ist Lokführer und musste in einer Silvester-Nachtschicht Schnapsleichen nachhause chauffieren. Deshalb blieben wir alleine daheim und widmeten uns zum Jahreswechsel eher unsilvesterlichen Dingen: Philomena strickte an einem kleinen Plüsch-Eselchen weiter und ich befasste mich ein bisschen mit WordPress. Aber so ganz konnte ich das mit Silvester dann doch nicht lassen: Zwischendurch entsorgte ich noch ein paar handgranatenmäßig-mordsgefährliche Osteuropa-Böller, die ich mir schon vor Jahren vom pyroaffinen Großstadtneurotiker Rudi hatte aufschwatzen lassen, als wir beide in Berlin lebten – er in Kreuzberg und ich gegenüber auf der anderen Spreeseite in Friedrichshain. Vor diesen in Deutschland illegalen Westentaschenbömbchen hatte ich solch einen Heidenrespekt, dass sie jahrelang unangetastet in einer Wohnzimmerschublade lagen. Sicherlich nicht die beste Lösung, zumal ich bei den alternden Sprengkörpern ohne TÜV- und DIN-Normen über die Jahre zunehmend mit einer irgendwann unweigerlich erfolgenden, spontanen Selbstentzündung rechnete, die meine Schrankwand in Konfetti verwandeln und Haus „Zweieichen“ zumindest im Erdgeschoss vollständig entglasen dürfte…

Also mussten die Dinger weg und die einzig halbwegs unauffällige Möglichkeit dazu bot gewiss die akustische Untermischung in die allgegenwärtige Silvesterknallerei! Kurz nach Mitternacht stanzte ich mit dem verbliebenen Polenböller-Restbestand dann unter prachtvoll aufspritzenden, hoffentlich keine Binnengewässer-Bouillabaisse erzeugenden, 5-Meter-Wasserfontänen ein halbes Dutzend Krater ins Bachbett hinter dem Haus.

Die nebenan heftig feiernden Nachbarn bekamen das aber womöglich gar nicht mehr mit, denn ihrer Schlager-Mitgrölerei nach waren sie voll wie die Haubitzen. Was die hier auf dem Dorf saufen können! Allerhand… Alles grundsolide Handwerkertypen und Bauersleute, die nach einer zünftigen Dorf-Fete mehr Alkohol als Blut in den Adern haben dürften. Früher hätte ich mit solchen Profi-Schluckspechten noch halbwegs mithalten können, aber aufgrund meiner in Folge einer angeborenen Fettstoffwechselstörung mittlerweile ziemlich kaputten Leber und Bauchspeicheldrüse vertrage ich kaum noch etwas. Ab und an nippe ich noch an einem edlen Single-Malt-Whisky, oder gönne mir ein kleines Bier. Aber um den deutschen Jahresdurchschnittsalkoholkonsum zu erreichen, bräuchte ich mittlerweile bestimmt anderthalb Jahrzehnte!

Überhaupt ist das hier alles nicht mehr so prall, wie früher. Besonders fern der Prallheit ist seit längerem mein Geldbeutel – ich stecke mal wieder so tief im Dispo, wie weiland die Hippies im Schlamm von Woodstock… Im Prinzip leben Philomena und ich hier in „Armut de Luxe“ – zwar im Haus mit verspielt selbst-angelegtem Ziergarten und mit einem 3-Liter-Auto in der Garage (nicht drei Liter Verbrauch, sondern eine Allrad-Limousine mit drei Litern Hubraum) – aber manchmal reicht die Kohle kaum zum Essen kaufen. Schwankungen und Unsicherheiten. Weit entfernt vom Lebensstandard, den ich kurz nach der Jahrtausendwende gewohnt war, als ich zugegebenermaßen auch aufgrund der Connections meiner damaligen, aus wirklich sehr reichem, kosmopolitischem Elternhaus stammenden Verlobten Giulia, eine Art Jetset-Leben führte. Danach ging es (meine alten Stammleser aus myTagebuch-Blogging-Zeiten werden sich noch an meine entsprechenden, teils erschütternden Berichte erinnern) eher wieder bergab. Pech in der Liebe, wahnsinniger Ärger mit einer Stalkerin, gegen die ich schlussendlich vor dem Landgericht Berlin zu Felde ziehen musste, wirtschaftlicher und gesundheitlicher Absturz, feindlich gesinnte Mitmenschen, unstete Zeiten mit vielen Umzügen.

Inzwischen ist dankenswerterweise wieder eine gewisse Konstanz in meinen Alltag und Lebenswandel eingekehrt. Sicherlich einerseits, weil ich nun ein ruhiges, zurückgezogenen Leben im Grünen führe und die Freuden der Gartenarbeit, bzw. vor allem -gestaltung entdeckt habe, zum anderen durch das stabilisierende Element meiner Mitbewohnerin Philomena, die nun auch schon seit über vier Jahren hier haust. Ich bin dadurch nicht mehr so einsam und alleine, wie phasenweise in den Jahren zuvor. Unsere Beziehung ist zwar eher platonischer Natur – aber das liegt sicherlich auch daran, dass wir uns sehr (zu sehr?) ähnlich sind. Eher Seelenverwandte. Außerdem kommt sicherlich keine Lustgrotte Hugh Hefnerscher Prägung dabei heraus, wenn man zwei völlig intellektuell-verkopfte Halbdepressive in ländlicher Abgeschiedenheit in ein gemeinsames Gehäuse stopft – eher etwas, das einem Roman von Michel Houellebecq entsprungen zu sein scheint… Ich bin jedenfalls froh, dass die Philomena da ist!

Wir führen hier ein un-etabliertes Leben, hat eher was von Studenten-WG manchmal. Trotz aller finanziellen Engpässe und gesundheitlichen Problemchen fallen wir irgendwie auch immer wieder auf die Füße. Wenn der eine blank ist, kann der andere aushelfen und vice versa. Beispielsweise hatte mein altes Sportcoupé im vergangenen Sommer nach 14 Jahren, in denen es mir stets ein treuer Begleiter gewesen ist, eine Viertelmillion Kilometer auf dem Tacho und drohte allmählich seinen Geist aufzugeben. Ich hatte mir den Wagen einst selbst zum 30sten Geburtstag geschenkt – damals natürlich ein Neuwagen. Heute könnte ich mir (zumindest momentan) keinen zehn Jahre alten Dacia mehr leisten. Aber aus zugegeben sehr traurigem Anlass heraus, konnte Philomena für Ersatz sorgen: Sie hatte den Wagen ihres vor einem Jahr verstorbenen Vaters übernehmen können, der uns nun als Alltags-Vehikel dient. Ganz nebenbei hat die Limousine auch noch über hundert PS mehr, als mein Coupé hatte – aber säuft auch pro Stunde Autobahnfahrt mehr Liter, als meine Nachbarn pro Stunde Silvesterfeier… Kurzum – dreckig geht es uns hier wahrlich nicht. Wenn möglich gönnen wir uns zumindest beim Essen Bio und Feinkost, solange es irgendwie geht… Dafür steht man oft mit dem Rücken zur Wand, sobald mal eine teure Versicherung abgebucht wird, oder irgendeine Reparatur ansteht. Bin inzwischen ein armer Schlucker von ein paar Luxusgegenständen umgeben, manchmal auf Hartz-4-Niveau knausernd, dann wieder Cohiba-rauchend… Aber vielleicht ist das ja gar nicht so selten auch anderenorts so? Man schaut schließlich bei seinen Mitmenschen auch oft nur auf die Fassade.

Jedenfalls hatten wir hier heute ganz vorzüglich Silvester nicht oder zumindest kaum gefeiert und ich blogge schon zum zweiten Mal in Folge die Nacht durch, statt endlich schlafen zu gehen. Ausschlafen dürfte zumindest schwierig werden…

2 Gedanken zu “Armut de Luxe in „Niedergüllestunk“ und ein nahezu nicht gefeiertes Silvester

  1. Wahnsinn, wow, was für ein klasse Eintrag. Zum Lachen oder auch mal nicht. Einzigartiger Hyper, unnachahmlich eben. 😉 Und nun auch Dir trotzdem ein möglichst gesundes Jahr 2018, ähm, ich rechne mir gute Chancen aus für „meinen“ Weihnachtsklassiker kommenden Advent. 😉 Wollt noch was sagen, aber was? Geht ja nicht verloren. Vielleicht bloß, daß ich mich heut so lange wie noch nie verschlafen hab, kann ich mir normalerweise gar nicht leisten. Kätzerische Grüße von der edith, ah, genau, hatte mich nämlich für in die Irre leitende Wege entschieden, und darum Deine freundliche Nachricht erst verspätet aufgespürt. Ò_ó

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